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Analyse: Irak - Abzug aus Ruinen

Die USA verlassen ein desolates Land. Im Irak funktionieren weder Militär noch Polizei. Strom ist Glückssache, Politik sowieso.

Martin Gehlen ist Redakteur beim Berliner Tagesspiegel.
Martin Gehlen ist Redakteur beim Berliner Tagesspiegel.

Barack Obama hat Wort gehalten. Als Letzte überquerte Donnerstag früh die vierte Stryker-Brigade die Grenze zu Kuwait. Gut sieben Jahre nach George Bushs Feldzug gegen Saddam Hussein sind damit alle US-Kampfeinheiten aus dem Irak abgerückt. Am Termin wird nicht gerüttelt, hatte der US-Präsident kürzlich in Atlanta jubelnden Veteranen zugerufen. Augen zu und durch, bevor es noch schlimmer kommt, scheint die Devise im Weißen Haus zu sein. Und das Oberkommando vor Ort klammert sich an die vage Hoffnung, dass die irakischen Sicherheitskräfte jetzt endlich aufwachen, wenn sie ihre US-Mentoren nicht mehr hinter sich wissen. Vom 1. September an liegt die Verantwortung für das Land erstmals wieder voll in den Händen Bagdads.

Iraks Armeechef ist ziemlich mulmig zumute. Mindestens bis 2020 müssten die Amerikaner noch im Irak bleiben, dann erst seien seine Leute in der Lage, die Sicherheit zu garantieren. Das sagt er seit Wochen jedem, der ihm zuhört. Zwar verfügen Polizei und Militär mit rund 750000 Mann über eine beachtliche Truppenstärke. Doch die USA wissen genau, dass Schlagkraft und Einsatzwille trotz jahrelanger Aufbauarbeit sehr zu wünschen übrig lassen.

Offiziere sind korrupt, Mannschaften werden schlecht behandelt und haben keine Lust, ihre Haut zu riskieren. Die Gepflogenheit irakischer Trupps, bei gemeinsamen nächtlichen Patrouillen erst gar nicht anzutreten, gehörte bis zuletzt zu den Kantinenanekdoten der US-Einheiten. Kaum besser ist die Lage bei der Polizei. Jeder fünfte Ordnungshüter kann nach Schätzung von Nato-Ausbildern nicht lesen und schreiben. Viele sind bestechlich und unzuverlässig – und bis sich diese Mentalität wandelt, das kann dauern.

So wundert es nicht, dass Al-Kaida jetzt vor allem Polizisten und Soldaten ins Visier nimmt. Wer sich als Rekrut bewirbt, muss schon am Vorstellungstag in der Kaserne um sein Leben fürchten, heißt die Botschaft des jüngsten Selbstmordanschlags am Dienstag. Polizisten an Straßensperren oder auf Verkehrsinseln werden aus fahrenden Autos heraus abgeknallt. Zwar meldete die US-Armee zuletzt einige spektakuläre Erfolge gegen die Al-Kaida-Führung, die Schlagkraft der Terroristen hat sich jedoch nicht verringert. Ihre Ränge füllen sich wieder, und niemand ist sicher vor den Mordkommandos, die Menschen nachts mit schallgedämpften Pistolen in ihren Häusern überfallen oder magnetische Bomben an Gartentüren und Autos heften. Auch kriminelle Banden machen den Irakern das Leben zur Hölle, während es mit der politischen und ökonomischen Situation weiter bergab geht. Strom gibt es nur für wenige Stunden, der Wiederaufbau des kriegsruinierten Landes stagniert.

Fünf Monate nach den Wahlen am 7. März ist zudem immer noch keine neue Regierung in Sicht. Das Parlament hat sich nach einer einzigen zwanzigminütigen Sitzung auf unbestimmte Zeit vertagt. Die beiden Hauptrivalen, Ex-Premier Iyad Allawi und der bisherige Regierungschef Nuri al-Maliki, sind hoffnungslos zerstritten. Kürzlich versuchte US-Vizepräsident Jo Biden in Bagdad, die Konkurrenten zur Vernunft zu bringen und zu einer Regierung der nationalen Einheit zu überreden. Am Montag nun, drei Tage vor dem Abmarsch des letzten US-Infanteristen, gaben beide Seiten bekannt, ihre Gespräche seien gescheitert.

Autor:  Martin Gehlen
Datum:  19 | 8 | 2010
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