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20. August 2014

James Foley: Der inszenierte Terror

 Von 
Der US-Journalist James Foley arbeitete unter anderem für die Nachrichtenagentur AFP und die US-Nachrichtenwebsite "GlobalPost". Seit 2012 galt er als verschollen.  Foto: dpa

Die Terrormiliz Islamischer Staat hat den Mord an dem Journalisten James Foley zur Propagandaaktion gemacht. Das Video ist als Zeichen der Stärke gemeint. Aber es ist mehr als das. Der Leitartikel.

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Wir können sie uns alle ansehen: die Ermordung von James Wright Foley durch einen Vertreter der Gruppe Islamischer Staat. Wir sehen den amerikanischen Journalisten in einem orangefarbenen Gewand vor einem schwarz gekleideten und vermummten Kämpfer der islamistischen Terrorgruppe. Foley spricht seinen Bruder John, einen US-Soldaten, direkt an und fordert ihn auf, darüber nachzudenken, was er tut. In Wahrheit werde er, James Foley, nicht von der Gruppe Islamischer Staat, sondern von der US-Regierung getötet.

Dann sieht man den Mann in Schwarz einen Dolch – es gibt dafür sicher eine militärisch korrekte Bezeichnung, die ich nicht kenne – ziehen und an den Hals setzen. In diesem Moment wird das Video, das ich gesehen habe, schwarz. Einen Augenblick später sieht man den abgetrennten Kopf von James Foley auf dem toten Köper liegen.

Danach zeigt der Terrorist auf einen weiteren Journalisten. Barack Obama solle sich genau überlegen, was er als Nächstes unternehme. Das Leben dieses Mannes liege in seiner Hand.

Das Video ist eine terroristische Inszenierung. Es soll Angst und Schrecken verbreiten. Es ist eine Antwort auf Barack Obamas Bombenbefehl gegen die Gruppe Islamischer Staat. Das Video beginnt mit Auszügen aus der Rede des US-Präsidenten. Es wird größter Wert darauf gelegt, die brutale Ermordung von James Foley als Reaktion auf eine amerikanische Tat darzustellen. Das reicht bis zu dem orangefarbenen Umhang Foleys. Die gleiche Farbe hatten die Umhänge, die die Gefangenen in Abu Ghraib trugen, als die US-Wärter ihnen Hunde auf den Leib schickten.

 Aber das ist Propaganda. Die Gruppe Islamischer Staat hat nicht den USA den Krieg erklärt, sondern den Menschen im Nordirak, die nicht bereit sind, sich ihr zu unterwerfen. Das sind Jesiden und Christen. Vor allem aber sind es Muslime. Sie alle werden zu Tausenden weniger spektakulär hingemordet. Ohne aufwendig darauf hinzuweisen, dass sie selbst schuld wären an ihrem Tod.

„Wir werden euch alle in Blut ertränken“, erklären die Terroristen. Das Tempus ist falsch. Die Gruppe Islamischer Staat ertränkt bereits alle, die sich ihr entgegenstellen, in Blut. Sie tut das, weil sie die Macht will. Für sich. Für niemanden sonst. Die Gruppe Islamischer Staat kämpft nicht gegen die USA für die Muslime. Erst als Barack Obama erklärte, er werde das Überleben von Jesiden, Christen und Muslimen mit Waffengewalt gegen die Gruppe Islamischer Staat verteidigen, da erst wurden US-Bürger zum Ziel der Terroristen.

Falls die Gruppe Islamischer Staat mit diesem Video die militärische Intervention hat aufhalten wollen, so hat sie sicher das Gegenteil erreicht. Aber es wäre ganz falsch, diese Aktion der Gruppe unter solchen rein zweckrationalen Gesichtspunkten zu sehen. Es ist eine Aktion, mit der die Terroristen sich selbst für sich selbst und die engsten ihrer Anhänger in Szene setzen. Die USA können ihre Bürger nicht vor uns schützen, das zeigen sie der Weltöffentlichkeit. Vor allem aber zeigen sie es sich selbst. Jeder weiß, dass kein Staat in der Welt in der Lage ist, jeden seiner Bürger zu schützen. Nicht auf dem eigenen Terrain und erst recht nicht im Ausland.

Die Aktion zeigt nicht die Stärke, sie zeigt die Schwäche der Gruppe Islamischer Staat. Es hat kein Gegenangriff in den USA stattgefunden. Nicht einmal ein Anschlag auf irgendeine Botschaft. Sie haben sich – wir wissen nicht wie – einen US-Journalisten geschnappt, der im Jahre 2012 in Syrien – wir wissen nicht von wem – gekidnappt wurde, und ihn geköpft. Gibt es einen Markt für Geiseln? Haben sie James Foley dort gekauft? Bekamen sie ihn kostenlos als Freundschaftsgabe von einer anderen Gruppe? Wer mehr wissen will über den Journalisten James Foley, der sehe sich zum Beispiel das Video auf Youtube an, auf dem er im Juni 2011 erzählt von den sechs Wochen, die er in Libyen in Gefangenschaft verbrachte.

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In ihrem Video erklären die Terroristen, sie seien keine Aufständischen. Sie hätten eine Armee und einen Staat. Daraus leiten sie ab, dass sie mit der Bevölkerung dieses „Staates“ machen können, was sie wollen. Niemand habe ein Recht zu intervenieren.

Es ist sicher an der Zeit, ihnen dieses Selbstverständnis zu nehmen. Es geht aber doch auch darum, wie das geschehen muss, damit danach nicht neue Videos kommen von neuen Gruppierungen, die den gleichen wahnsinnigen Alleinvertretungsanspruch mit den gleichen wahnsinnigen Methoden durchzusetzen versuchen.

Mit Waffen allein ist – das ist die bittere Erfahrung der letzten Jahre bei allen Interventionen – in Wahrheit niemandem geholfen. Die öffentliche Diskussion auf die Frage zu beschränken, ob man jetzt militärisch intervenieren soll oder nicht, heißt womöglich, das nächste Massaker vorzubereiten. Man braucht ein Konzept, was mit diesen Waffen wer für wen tun soll im Irak.

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