Als Jörg Tauss bekanntgab, dass er für die Piratenpartei im Deutschen Bundestag sitzen wolle, dachten viele: Jetzt ist er endgültig übergeschnappt. Tauss war da längst ein "Fall" , und zwar ein tragischer. Wäre der SPD-Bundestagsabgeordnete aus Gochsheim (Kreis Karlsruhe) nicht ein so lauter, polarisierender Mensch - wer weiß, vielleicht hätte ihn die "Kinderporno-Affäre" nicht derart umgehauen. Am 5. März 2009 durchsuchten die Ermittler seine Büroräume und seine Berliner Wohnung und stießen auf Kinderpornografie. Nicht viel, nur ein bisschen. Tauss erklärte, er habe die neuen Vertriebswege sichtbar machen wollen. Als Abgeordneter habe er dazu das Recht. Die Staatsanwaltschaft bezweifelte dies massiv.
Das war der Anfang vom Ende des Politikers Tauss. Die Genossen im Ländle grenzten sich von ihrem Generalsekretär ab. Mit "so einem", hieß es, könne man keinen Bundestagswahlkampf machen. Kaum einer verwandte sich für den 56-Jährigen. Es folgte der Verzicht auf politische Ämter und die erneute Kandidatur für den Bundestag. Dann der Wechsel zur Piratenpartei, wo man - trotz einiger Skepsis - froh war über den prominenten Neuzugang. "Sozial exekutiert" habe man seinen Mandanten, urteilt Anwalt Jan Mönikes, selbst SPD-Mann. Und man weiß nicht, ob er die Staatsanwaltschaft meint oder auch seine eigene Partei. "Es gilt die Unschuldsvermutung", sagen alle, die man auf Tauss anspricht, aber immer schimmert ein Grundverdacht durch, eine Möglichkeit, ein "eventuell", dass da auch Neigung im Spiel sein könnte - wie es bei solchen Delikten so ist.
In 15 Jahren im Bundestag war Tauss vielen lästig, aber auch anerkannt als Experte für Bildung, Forschung und Neue Medien. Früh war der Ex-Gewerkschaftssekretär online unterwegs, bloggte und twitterte. Und er versteht einfach nicht, dass einer, bei dem Kinderpornografie gefunden wird, nicht mehr glaubwürdig für Freiheit im Netz eintreten kann. Auf einer Kundgebung gegen die Internetsperren der Ministerin von der Leyen gab er am 20. Juni den Austritt aus der SPD bekannt, in der er fast 40 Jahre lang Ämter innehatte. Sein Privathaus will er vermieten wegen Geldmangels. Auf seine Pension muss er warten.
Tauss soll bald angeklagt werden, wie der Karlsruher Staatsanwalt nun öffentlich verkündet hat. Die Aufhebung seiner Immunität erscheint da nur noch als Routine. "Die öffentliche Vorverurteilung von Jörg Tauss geht in eine nächste Runde", sagte dessen Anwalt Jan Mönikes und kritisierte den "miserablen Stil" der Staatsanwaltschaft, die der Verteidigung keinen Raum zur Stellungnahme ließ. Auch Karlsruhes Generalstaatsanwältin zeigte sich "irritiert".

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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