kalaydo.de Anzeigen

Leitartikel zur Büste der Nofretete: Kampf um die Königin

Ihr Lächeln ist ein Kunstwerk: Die Büste der ägyptischen Königin Nofretete fasziniert auch noch heute 99 Jahre nach ihrer Ausgrabung die Berliner. Doch wie lange noch? Der ägyptische Chefarchäologe Zahi Hawass lässt keine Gelegenheit aus, die Rückkehr der fragilen Figur zu fordern.

Bannende Schönheit: Königin Nofretete
Bannende Schönheit: Königin Nofretete
Foto: REUTERS

An der Nofretete, Berlins wohl prominentester Immigrantin, wird nicht erst seit gestern spektakulär herumgezerrt. Vom ersten Tag an, dem 6. Dezember 1912, als der Ägyptologe Ludwig Borchardt die Büste im Sand von Amarna, der ehemaligen Hauptstadt des Pharaos Echnaton, vorfand, ist die Faszination für die Königin ungebrochen. Nofretetes Nimbus, darauf hat sich die Nachwelt nach 3400 Jahren verständigt, ist nicht allein archäologischer, sondern auch ästhetischer Natur. Allein ihr rätselhaftes Lächeln ist ein Kunstwerk.

Nun sind erneut Forderungen laut geworden, lauter noch als sonst, und laut waren sie immer schon, die altägyptische Büste, die ihre Heimat zweifellos nicht aus freien Stücken verließ, eben dorthin zurückzugeben. Wenn der ägyptische Botschafter die Neuberlinerin noch vor sechs Jahren als die „ständige Vertreterin Ägyptens in Deutschland“ bezeichnete, so hat der ägyptische Chefarchäologe Zahi Hawass in der selben Zeit keine Gelegenheit ausgelassen, die Rückkehr der fragilen Figur zu fordern.
Der Chefausgräber betreibt die archäologische Basisarbeit nicht ohne eine Durchökonomisierung der Schlagzeilen. Hawass weiß die Medien zu kitzeln; dazu gehört, dass er sich mit Absicht im Stil eines Indiana Jones inszeniert, was er nicht auf den Schlapphut beschränkt. Schneidig wie seine Auftritte bestreitet Hawass Legitimität und Legalität der Ausfuhr der Nofretete. Das Ägyptische Museum in Berlin hat nicht nur einmal nachweisen können, dass es nicht krumme Wege waren, auf denen die Nofretete nach Berlin kam. Nein, kein Betrug.

Dennoch hat Hawass den Kampf um die Nofretete zu einem Spiel gemacht. Auch der jüngste Coup Hawass’ ist nicht zu verstehen, wenn man ihn, der schriftlich eingefädelt wurde, nicht rekonstruiert. So hat die Stiftung Preußischer Kulturbesitz einen von Hawass seit langem bereits angekündigten Brief bestätigt. Mit ihm stellt Hawass seine erneuerte Rückgabeforderung als „offizielle“ Anfrage dar. Diese Darstellung wiederum wurde von Stiftungspräsident Hermann Parzinger dementiert. Er behauptet, dass dem Ansinnen, um offiziell zu sein, die Unterschrift des ägyptischen Ministerpräsidenten fehle. Auf eine dermaßen förmliche Lesart pocht auch Kulturstaatsminister Neumann. Der Chefausgräber Hawass, von Staatsminister Mubarak erst vor kurzem zum Kulturminister promoviert, habe also mitnichten einen Antrag im Namen Ägyptens gestellt.

Was heißt das für die Königin? Seit den Tagen, als die Nofretete 1924 erstmals öffentlich ausgestellt wurde, um umgehend nicht nur als Ikone klassischer Schönheit, sondern als Sinnbild eines rätselhaft modernen Selbstbewusstseins zu gelten, wird um ihre feste Bleibe gekämpft. Aufgabe von Museen ist die Bewahrung ihrer Besitztümer, davon ausgenommen sind auch nicht die diejenigen Häuser wie der Louvre, das British Museum oder die Berliner Museumsinsel, die über gewaltige Schätze verfügen: Reichtümer, die ein Erbe des Kolonialismus sind, Beutekunst, Raubkunst.

Mit der Rechtslage, mit Fragen der Restitution beschäftigen sich deutsche Kunsthistoriker und Museumskuratoren besonders intensiv. Welche Ausfuhr war illegal, wie sind Verträge aus der Kolonialzeit zu bewerten, wie legitim scheint das moralische Vorgehen, von heute aus gesehen, dessen Legalität nicht zu bestreiten ist? Es geht um eine Rechtsgültigkeit, die nicht durch rhetorische Kniffe in Abrede gestellt werden kann. Kniffe, als ginge es bei dem uralten Rechtsgrundsatz Pacta sunt servanda um eine allenfalls archäologische Legitimität.

In die Hawass-Strategie reiht sich die angeblich „offizielle“ Anfrage ein, mit der er bis in deutsche TV-Nachrichten vordrang. Hawass, der vor wenigen Monaten auf einer Vortragstournee durch Deutschland unterwegs war, bei der er seine nächsten Nofretete-Coup ankündigte, wacht über die ägyptischen Schätze im Stile eines Autokraten. Der Fall der Nofretete ist, anders als mancher Fall offen zu Tage liegender Raub- oder Beutekunst, so kompliziert, weil Ägypten kurz vor dem Ersten Weltkrieg kein souveräner Staat war. Hawass ignoriert dies ebenso wie die Umstände, unter denen die sämtlichen Funde der Grabungskampagne aufgeteilt wurden. Zur Hawass-Kampagne zählt die Verunsicherung – der Appell an ein Gewissen, schlecht informiert, die Aufforderung zu einem diffusen Reuebewusstsein, das die Nofretete zur beweglichen Habe, nicht zuletzt legale Verträge zum Poker erklärt.

Datum:  25 | 1 | 2011
Kommentare:  8
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
US-Wahl 2012: Countdown für Obama

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl


Sonderthema
Protest in Libyen.

Tunesien, Ägypten, Libyen, Algerien, Jemen - das Volk wagt den Aufstand gegen die Autokraten. Einige sind gefallen, andere bekämpfen die Revolutionäre bis aufs Blut.

Spezial
Die Gegner von S 21 freuen sich über den Etappensieg.

Seit Februar 2010 laufen Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof. Diskussion, Hintergründe, Fotostrecken und mehr im FR-Spezial.

Anzeige

In eigener Sache

FR-Online.de möchte Lesern unter vielen Texten zielführende Diskussionen ermöglichen. Die Redaktion prüft Beiträge in verschiedenen Verfahren.

Video
Fotostrecke
Plaßmanns Welt (295 Bilder)
Spezial

Bespitzelung von Beschäftigten, Datenklau, Elena, Swift - Was passiert mit unseren Daten?

Anzeige

 
Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

Fotostrecke
Plaßmanns Klima (19 Bilder)
Quiz
Der zurückgetretene Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg holt seine Entlassungspapiere im Schloss Bellevue ab (03.03.2011).

Guttenberg hatte einen guten Grund. Aber weshalb sind Horst Köhler oder Richard Nixon abgetreten?

Revolte

Protest und Party, Revolte - aber keine Revolution: 1968 hat die Gesellschaft nachhaltig verändert.