Jetzt, in diesen Sommermonaten, sind sie wieder unterwegs in Prenzlauer Berg, dem – wie es heißt – kinderreichsten Bezirk Berlins. Wer hier lebt, kennt die Übung, hochschwangeren Frauen auszuweichen. Triumphierenden Blickes schieben sie sich durch volle Kneipen, schwingen sich ungebremsten Schrittes um Straßenecken, drängeln an Supermarktkassen, das enge Shirt spannt sich überm Bauch, der sich, einer Trophäe gleich in Siegerpose hochgehalten, den Blicken aufdrängt. Kein Entrinnen möglich.
Die – oft von Bürgerinitiativen betreuten – Spielplätze sind an schönen Tagen überfüllt mit Müttern, die unübersehbar in Bälde dem spielenden Sprössling ein Brüderchen oder Schwesterchen zu schenken gedenken. Und wieder gibt es ein paar dieser kreischenden Wesen mehr im Bezirk, deren Eltern unter Verzicht auf Erziehung dem lärmenden, tobenden, vorlauten Nachwuchs in seinem Entfaltungsdrang keinen Einhalt gebieten. Die das Kleinkind beim Spielen unterbrechen: „Iss noch ein Stückchen Biobanane“, wie eine Kollegin genervt in der Zeit zu berichten wusste. Die ganz Kleinen tragen die Mütter praktischerweise gleich am Busen, um jederzeit und allerorten den BH öffnen und das Baby stillen zu können. Mit dem Kinderwagen halten sie frontal auf Entgegenkommende zu, die einschüchternde Gewissheit im Blick, selbst schwer mit Einkaufstüten Bepackten nicht zu weichen. Die Kampfmütter sind wieder unterwegs.
Vielleicht besser als anderswo lässt sich in Prenzlauer Berg diese neuartige, trotzdem altmodisch anmutende Überhöhung der Mutterrolle beobachten, eine Art „Zurück-zur-Natur-Bewegung“, die ihr Sorgen bereite, wie die französische Philosophin Elisabeth Badinter kürzlich der Süddeutschen Zeitung sagte. Zu beobachten ist er allenthalben dieser Trend, der Frauen zurückschickt an den Herd und in die Familie, unter Verzicht auf eine Karriere, schlimmer noch: auf ein Berufsleben, das ihnen ein eigenes Einkommen sichert, unabhängig vom Mann. Schon vor sechs Jahren kritisierte eine Ex-Prenzlauer-Berg-Anwohnerin (natürlich kinderlos) in der Emma diese „hauptberuflichen Mütter, die rund um die Uhr mit Aufzucht und Beaufsichtigung ihres Nachwuchses beschäftigt sind“. Die Kind und Karriere nicht vereinbaren müssten, weil eine Karriere bei den meisten von ihnen gar nicht stattfinde. Sie sind nicht weniger geworden seitdem.
Armutsrisiko für Alleinerziehende
Natürlich gibt es auch sie: die Karrierefrau, die ihrem Beruf stets Priorität eingeräumt hat – meist um den Preis der Kinderlosigkeit. Insgesamt aber sind Frauen nach wie vor deutlich seltener als Männer ökonomisch unabhängig, ist ihre Vollbeschäftigung rückläufig, verdienen sie bei gleicher Qualifikation weniger. Dafür finden sie sich immer häufiger abgedrängt in geringfügige Beschäftigung oder ganz in die Berufslosigkeit. Signifikant gestiegen hingegen ist das Armutsrisiko Alleinerziehender. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes sind 40 Prozent der Alleinerziehenden armutsgefährdet – und es sind zum allergrößten Teil Mütter.
Wacht auf, ihr jungen Frauen! Der Kampf um gleiche Rechte, um gleiche Bezahlung ist ja längst nicht gewonnen. Gebt euch nicht zufrieden mit der scheinbar bequemeren Rolle der Hausfrau und Mutter. Denn geht das Projekt Familie schief, seid ihr die Verlierer – ihr und eure Kinder.
Charima Reinhardt ist freie Autorin und war Vizesprecherin der rot-grünen Bundesregierung.

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