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Leiter: Kein Mittelmaß am Sehnsuchtsort

Die Unesco hat entschieden: gegen bloße Bewahrung, für Wandel durch Technik. Das Obere Mittelrheintal darf Weltkulturerbe bleiben - trotz Brücke. Die Loreley wird es verkraften.

Und nun, so oder doch so ähnlich dürfte er aufgerufen worden sein, „der Tagesordnungspunkt Oberes Mittelrheintal“. Als Antrag, in der Nähe der Loreley eine Brücke zu bauen, liegt das Thema der Unesco schon seit einigen Jahren vor, worüber das Anliegen zum Aktenberg anschwoll. Aus dem Politikum einer Rheinquerung, im Herzen einer lieblichen Landschaft, wurde ein bürokratisch gewaltiger Aufwand. Auf einen deutschen Sehnsuchtsort wirkte die Standortpolitik ein.

Ihr folgend, hat das Unesco-Welterbekomitee die seit Jahrzehnten geplante und seit Jahren heftig umstrittene Rheinquerung jetzt für statthaft erklärt. Die Entscheidung wurde in der Ferne der brasilianischen Hauptstadt Brasília getroffen – und es wird Stimmen geben, die diesen Akt, vorgenommen in einer der Reißbrett-Metropolen der Erde, dem Synonym für die Hybris der Architekturmoderne, für unstatthaft erklären. Die Fremde, mit ihrer spirituellen Obdachlosigkeit, als Attentat auf eine mitteleuropäische Kulturlandschaft, zum Zwecke der Beschleunigung anstelle von Entschleunigung?

Alles wirkt so, als solle das Mittelrheintal, dem 2002 der Status des Weltkulturerbes zuerkannt wurde, in eine neue, garstige Zeit gebeamt werden. Auf jeden Fall wollen zur globalen Zeitverschiebung zwischen der lieblichen Landschaft und dem hybriden Brasília all die Verzerrungen passen, die die Diskussion um eine Rheinquerung bestimmt haben, angefangen damit, eine Brücke verschandele das uns überlieferte Bild von Deutschlands Romantikfelsen Nr. 1 (Rügens Kreidefelsen siehe unten). Gleichwohl wurde, so wie von der rheinland-pfälzischen Regierung vorgesehen, eine Brücke zwischen St. Goar-Fellen und St. Goarshausen-Wellmich für zulässig erklärt. Teile der Kulturnation, vertraut damit, wie unzuverlässig sich der Rhein gerade unterhalb der Loreley verhält, wollten sich auch danach nicht damit abfinden, dass der Strom wenige hundert Meter flussabwärts sich weiterhin dermaßen windet, dass der Loreley-Felsen bereits nicht mehr zu sehen ist.

Nicht nur Ferndiagnosen zu der Überquerung arbeiteten mit übelsten Unterstellungen, auch aus der Nähe geschah das. Schon deshalb sollte man nicht unerwähnt zu lassen, dass rund um die Ikone Loreley Unansehnlichkeiten zuhauf in die Ideallandschaft hineingepfuscht wurden. Seitdem genießt die Unsitte Gewohnheitsrecht. Was alles in den Fels gedübelt wurde, macht dieses Epizentrum deutscher Empfindsamkeit zu einem Sammelbecken architektonischer Indolenz.

Eine Brücke im Weltkulturerbe

Bildergalerie ( 9 Bilder )

Und nun, hier also, eine Brücke! Mit der Entscheidung für sie wurde vor allem wirtschaftspolitischen Argumenten stattgegeben. Tatsächlich ist das rechte Rheinufer von Bingen bis Koblenz auf rund 80 Straßenkilometern abgeschnitten. Im Osten des uralten Grenzflusses wurde das böse Wort vom Zonenrandgebiet geprägt – und das ist kulturell und wirtschaftlich, arbeitsmarktpolitisch und demografisch mit Bilanzen zu belegen, was auch nicht dadurch kompensiert wird, dass die Rheinfähren eine Verbindung nach Fahrplan herstellen.

Das wirtschaftspolitische Votum von Brasília ist auch deswegen bemerkenswert, weil es zugleich eines gegen den im Welterbekomittee herrschenden Historismus ist, eine aufs Antiquarische zielende Bewahrungshaltung. Der Historismus der Welterbebürokratie schlägt immer wieder durch – etwa in der Kritik der Waldschlösschenbrücke in Dresden. Oder auch jetzt, da der Welterbestatus der Wartburg gefährdet ist, weil Windräder dem Gedächtnisort zu nahe rücken. Doch Windräder, anders als Brücken, bilden einen bloß technoiden Eingriff in die Landschaft – da gibt es auch in Loreley-Nähe Schreckensbeispiele. Von Brücken dagegen weiß die Menschheit, dass es von ihnen vereinzelte Exemplare zwischen Himmel und Erde gibt, die eine Naturschönheit sogar noch adeln. Meer, Gebirge, Tal oder Schlucht.

Für den Brückenentwurf im Oberen Mittelrheintal, der in einem Wettbewerb auf den ersten Platz gesetzt wurde, gilt dies zweifellos nicht. Man möchte auf eine ästhetische Demonstration der Architektur hoffen, und das in einem Tal, das immer schon eine Verkehrslandschaft war, ja, dessen Loreley-Nimbus auf dem Verkehrsunfall an einem Rheinriff basiert. Bis 2017 soll die Brücke stehen, hoffentlich nicht, wie die Landesregierung in Mainz meinte, „visuell akzeptabel“. Mittelmaß im Mittelrheintal wäre eine Katastrophe.

Datum:  30 | 7 | 2010
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