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17. Juli 2012

Kolumne: München 1970: Linker Antizionismus

 Von 
Götz Aly, Kolumnist dieser Zeitung.

Am Dienstag um 22.45 Uhr läuft die Dokumentation „München 1970 – als der Terror zu uns kam“ in der ARD. Die Wahrheit über das Münchner Verbrechen vom 13. Februar 1970 ist noch nicht gefunden. Aber Hafners Film ist ein beachtlicher Schritt auf diesem Weg. Er gehört zu den Fernsehereignissen des Jahres.

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Am Dienstag um 22.45 Uhr läuft die Dokumentation „München 1970 – als der Terror zu uns kam“ in der ARD. Georg M. Hafner drehte den Film aus zwei Gründen: Zum einen wurde sein Onkel, Rudolf Crisolli, am 21. Februar 1970 eines von 77 Opfern des Anschlags, den palästinensische Terroristen auf eine Maschine der Swissair verübten, die in Zürich Richtung Tel Aviv gestartet war; zum anderen sympathisierte Hafner, seinerzeit Student in München, mit der Neuen Linken. Diese begeisterte sich 1969/70 für den „palästinensischen Befreiungskampf“ und versuchte so der deutschen, sprich der elterlichen Vergangenheit auszuweichen. Es dauerte lange, bis Hafner die politischen Umstände erforschte, die seinem Onkel das Leben gekostet hatten.

Als der erste israelische Botschafter in der Bundesrepublik, Asher Ben-Natan, im Juni 1969 an den Universitäten Frankfurt und Hamburg sprechen wollte, brüllte ihn der linksradikale Teil der Zuhörer nieder. „Ha, ha, ha – Al Fatah ist da“, lautete eine Parole, eine andere, „Der Herrenmensch Asher Ben-Natan wird in Hamburg nicht reden“.

Ausgerechnet am 9. November des Jahres deponierte eine Gruppe um den noch jahrelang als Politclown gefeierten Dieter Kunzelmann eine Bombe im Jüdischen Gemeindehaus Berlin, die nicht explodierte. Ende Dezember reisten Delegierte des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) zum Solidaritätskongress der PLO nach Algier. Am 10. Februar 1970 verübten palästinensische Terroristen auf dem Flughafen München einen Anschlag auf ein Flugzeug der israelischen El Al: ein Toter und mehrere Schwerverletzte. Drei Tage später setzten Unbekannte das jüdische Altersheim in München in Brand. Sieben Tote.

Wie Hafner zeigt, sprechen beachtliche Indizien dafür, dass dieses Verbrechen von linksradikalen, deutschen „Antizionisten“ begangen wurde. In den Wochen zuvor hatte sich eine Gruppe um Georg von Rauch, Irmgard Möller, Albert Fichter und Rainer Kunzelmann in Lagern der PLO ausbilden lassen und mit den neuen palästinensischen Freunden Brüderschaft gefeiert. Kaum zurück, rief Kunzelmann zum „Kampf gegen die heilige Kuh Israel“ auf und forderte, die Deutschen sollten endlich den „Judenknacks“ überwinden.

Neben den im Film genannten Indizien fand ich vor einigen Jahren einen Hinweis im vertraulichen Bericht des Verfassungsschutzes für den Februar 1970. Demnach verurteilte der SDS in Frankfurt den Anschlag auf das jüdische Altersheim entsetzt als „antisemitisch“, weil man gegen den Zionismus kämpfe und gegen dessen „politischen Ausdruck Israel, nicht gegen die Juden“. Eine geplante Demonstration gegen den Besuch des israelischen Außenministers sagte der SDS sofort ab.

Das bedeutet im Umkehrschluss: Die Frankfurter Spitzen der Neuen Linken befürchteten (wussten?), dass Gesinnungsgenossen den siebenfachen Mord in München begangen hätten. Heute zwingt ein solches Dokument zu einer weiteren Frage. Wann endlich werden Verfassungsschutz, BND, Innenministerium und Bundeskanzleramt alle ihre Geheimakten aus dieser Zeit freigeben? Die Wahrheit über das Münchner Verbrechen vom 13. Februar 1970 ist noch nicht gefunden. Aber Hafners Film ist ein beachtlicher Schritt auf diesem Weg. Er gehört zu den Fernsehereignissen des Jahres.

Götz Aly ist Historiker.

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