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19. November 2012

Kolumne : Nur so ein Hinweis...

 Von Michael Herl
Hallo, ich bin Michael Herl, Autor und Theatermacher. Es freut mich Ihre Bekanntschaft zu machen.

Lieber Otto-Versand, meine Oma war einst den ganzen Tag daheim. Aber die Menschen heute sind tagsüber meist woanders.

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Eigentlich kennen wir uns ja nicht, lieber Otto-Versand in Hamburg. Dennoch schreibe ich Dir diesen Brief. Unlängst nämlich, da bemerkte ich das baldige Herannahen des Winters und beschloss, mir diverse Anziehsachen zu kaufen. Handschuhe, Schals, lange Unterhosen, was man halt so braucht.

Es war schon recht frisch, und ich hatte am Vorabend getrunken und sah mich nicht in der Verfassung, ein Warenhaus aufzusuchen. Da entsann ich mich meiner Oma und ihrer Gepflogenheiten. Sie bestellte immer bei Neckermann, Tante Gertrud bei Quelle und Frau Mostberger, die Nachbarin, schwor auf Dich, auf den Otto-Versand. Das war ein bisschen wie in der Schule, wo es Pelikan-Kinder gab und Geha-Kinder. Oder Märklin- und Trix-Buben.

Deine Geschwister in Fürth und Frankfurt sind ja nun hin, also bestellte ich bei Dir. Nicht mehr wie früher über den Katalog, sondern zeitgemäß im Internet. Anfangs ging auch alles ganz flott. Schnell kam die Bestätigung meines Begehrs.
Am nächsten Morgen fand ich im Büro eine Nachricht auf dem Band vor. Ein netter Herr hatte abends (!) bei mir angerufen, bat um Rückruf. Er hätte da noch ein paar Fragen. Ich schickte sofort eine Mail mit der Frage, was für Fragen es denn gebe. Tags drauf antwortete mir eine Dame aus Magdeburg und meinte, ich sei Erstkunde, deswegen könne ich nicht auf Rechnung bestellen. Außerdem gebe es da noch mehr Fragen, die sich am besten telefonisch klären ließen.

Also rief ich an, übrigens auf meine Kosten. Ich erklärte mich netterweise bereit, die Daten meiner Kreditkarte zu verraten, doch das war noch nicht alles. „Diese Adresse, die Sie da angegeben haben, das ist doch Ihre Firmenadresse, oder?“ fragte die Dame. Ich bejahte, denn da sei immer jemand und könne das Paket entgegen nehmen. „Das geht nicht“, meinte da die Dame, „wir brauchen Ihre Wohnadresse“. Ich erklärte ihr, dass dies vollkommen sinnlos sei, da ich mich dort werktags nur zum Schlafen aufhielte und ansonsten im Büro, im Kaffeehaus oder im Wirtshaus anzutreffen sei. Wenn sie das Paket nun an meine Wohnadresse schicke, werfe der Postbote einen Zettel in meinen Briefkasten, und ich müsse dann stundenlang in irgendeinem Postshop anstehen. „Wollen Sie das wirklich?“, flehte ich sie an.

Die Dame schwieg. Ich sah sie im Geiste die Profile ihrer Kunden durchhecheln. Nirgendwo passte ich rein. „Ich kann da leider nichts für Sie tun“, meinte die Dame schließlich, und ich hörte aus ihrem Unterton heraus: „Für Menschen wie Sie, die nicht mal ein richtiges Zuhause haben, sind wir nicht zuständig.“ Also stornierte ich.

Lieber Otto-Versand, deswegen mein Brief. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es noch mehr solche Leute wie mich gibt. Viel mehr sogar. Meine Oma, meine Tante und Frau Mostberger, ja, die waren den ganzen Tag daheim. Aber die sind schon lange tot. Unbekannt verzogen sozusagen. Aber die Menschen heute, die sind in der Regel tagsüber woanders. Nur so als Hinweis. Nur damit es Dir nicht so ergeht, wie Deinen Geschwistern in Fürth und Frankfurt...
Und, ach ja: Handschuhe, Schals und Unterhosen habe ich mir dann bei einem anderen Versand bestellt. So einem modernen. Auf Rechnung. Am nächsten Tag kam das Paket. Ins Büro. Und ich jauchzte vor Glück.

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