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19. Oktober 2014

Kolumne: Zu den Waffen?

 Von Tom Schimmeck

Der Sound im Land wird kriegerischer. Ein Grundbass wachsender Wehrwilligkeit. Ganz klar: Hier verschiebt sich was.

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Komisch fühlt es sich an, dieses Land. Man meint, eine wachsende Wehrwilligkeit zu spüren, einen diffus wummernden Zorn zu hören, als Grundbass, gesummt mit mählich anschwellendem nationalem Ego. Noch haben unsere Hubschrauber Risse. Die Transportmaschinen sind fliegende Antiquitäten, die Radpanzer eiern. Unsere Superwumme G36 wird „nach mehreren hundert Schuss“, herrje, ganz heiß. Unsere seit 1935 gerühmten U-Boote tauchen nicht mehr richtig. Die Rümpfe der Fregatten sind so löchrig wie die Sohlen des Heeres. Der Zustand unserer Streitkräfte, schallt es jetzt überall, sei „desolat“, „marode“, „erschreckend“, „katastrophal“. Unsere Wehr, erklärte neulich ein Amtssprecher mit unfreiwilliger Ironie, sei „für den Normalfall gut gerüstet“.

Aber bald werden dank Ursula von der Leyen Beschaffung und „Ersatzteilzulauf“ wieder reibungslos laufen, so richtig ruckzuck. Und dann, wenn wir endlich frische Flieger und echte Kampfdrohnen haben, werden wir mit runderneuerter Moral zu unseren neuen, frisch geölten Waffen made in Germany greifen und losschlagen gegen Despoten, Islamisten, Kleptokraten und alle anderen Bösen. Dann werden die zu spüren kriegen, wie gut wir sind.

Ich übertreibe? Nur ein bisschen. Mich macht diese neue Begeisterung fürs Militärische stutzig. Dieser ganze Diskurs, der sich nur mehr darum dreht, wie schussbereit wir sind. Dass auch wir Deutsche jetzt nicht mehr abseits stehen dürften und der Bedrohung entgegentreten müssten und überhaupt … Es ist noch keine Kriegspropaganda. Noch ist das Feindbild zu diffus. Auch die Bereitschaft zum Heldentod hält sich bei uns Bausparern noch in Grenzen. Aber hier verschiebt sich etwas.

Neulich lief ich durch eine Ausstellung über Propaganda im 1. Weltkrieg. Die Macher hatten die Sprüche auf Zettel gedruckt. Zum Mitnehmen. Jetzt hängen bei mir zuhause Sätze mit Ausrufezeichen an der Wand: „Tu Deine Pflicht!“ „Es liegt an Dir!“ „Sei auch Du ein Held!“ „Es geht um alles!“ Ich lese sie jeden Tag. Als Gegengift. Nein, ich glaube nicht, dass jeder Militäreinsatz prinzipiell falsch ist. Das faschistische Deutschland war nicht anders zu stoppen. Die Kampfbilanz der letzten Jahre aber ist durchweg verheerend.

Beim Afghanistan-Einsatz, dessen Motiv mir noch nachvollziehbar schien, fällt die Schlussrechnung trist aus: 13 Jahre Krieg, eine fünfstellige Zahl von Toten. Die Taliban sind noch immer da. Im nur auf Lügen beruhenden Irak-Krieg sind – die Schätzungen variieren drastisch – zwischen 110 000 und 1,1 Millionen Menschen gestorben. Bush & seine Willigen versprachen 2003 Demokratie. Und stifteten nur Chaos. Weit über den Irak hinaus.

Seit Jahren kreisen über Pakistan, Somalia, dem Jemen Obamas tödliche Drohnen. 2011 half die Nato in Libyen mit 26 300 Lufteinsätzen der Opposition, Gaddafi zu entmachten und zu töten. Auch hier starben Tausende. Auch hier ist die Lage bis heute, mild gesprochen, instabil. Ein „Kollateralschaden“ war der Krieg in Mali. Was das heißt? Es gibt vertretbare Militäreinsätze. Doch ist Krieg niemals die Lösung. Das Minimum: Sich vor allem Kriegsgeschrei sehr genau und durchaus kühl Rechenschaft abzulegen über die eigenen Absichten, Möglichkeiten und Ziele. Hütet Euch vor neuen deutschen Launen.

Tom Schimmeck ist Autor.

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