kalaydo.de Anzeigen

Kolumne: Alternative zur Heilserwartung

Die Politiker suchen in der verwirrenden Vielfalt der Welt gern Halt bei Experten, statt selbst politisch zu führen. Diese Heilserwartung kann jedoch mehr Schaden als Nutzen bringen.

Franz Walter, Direktor des Göttinger Instituts für Demokratieforschung.
Franz Walter, Direktor des Göttinger Instituts für Demokratieforschung.

Es ist oft gesagt worden: Die große Zeit des Intellektuellen ist abgelaufen. An seiner statt hat der Experte die Bühne betreten. Hält eine Hitzwelle 10 Tage an, dann muss der Fachmann für die Klimakatastrophe im „ARD-Brennpunkt“ den besorgten TV-Zuschauern erklären, ob neue Bedrohlichkeiten aus dem Ozonloch zu erwarten stehen. Sind im Nordhessischen auffällig viele Patienten mit schlimmen Schmerzen in der Magengegend nach dem Verzehr von Leberwurst zu konstatieren, dann wird der bekannte Virologe von der Universitätsklinik im Heute-Journal Gesundheitsaufklärung für das aufgeschreckte Volk leisten müssen. Niemand jedoch wird in solchen Fällen nach dem Rat von Grass, Walser oder Enzenberger rufen.

Und so ist das mittlerweile auch in der Politik. Willy Brandt führte noch bei schwerem roten Wein nachdenkliche Gespräche mit Dichtern und Literaten. Frau Merkel hingegen wendet sich an die Experten mit handfester Berufserfahrung in der Wirtschaft, der Wissenschaft, der Verwaltung und Rechtsprechung. Politikberatung dieser Art wird so zu einem einträglichen Geschäft der Expertenklasse. Ihre Notwendigkeit steht kaum zur Debatte. Die Politik allein könne, heißt es weithin, das akkumulierte Wissen nicht mehr überschauen. Für höhere Rationalität und größere Entscheidungssicherheit benötigen die politischen Entscheider daher zwingend den Rat ausgewählter Experten.

Nur: Die Heilserwartung, dass man durch die Produktion und didaktische Vermittlung von Mehr-Wissen eine höhere Rationalität verbindlicher Entscheidungen herzustellen vermag, könnte paradoxerweise mehr Schaden als Nutzen bringen. Politik ist durch Wissensvervielfältigung sich ihrer keineswegs sicherer und im Handeln durchaus nicht erfolgreicher geworden, sondern entweder ängstlicher oder aktionistischer. Denn jedes Wissen multipliziert Nicht-Wissen, produziert auch nicht-beabsichtigte Resultate von Wissensanwendungen mit hohen Risikofolgen. Und auch das erleben Politiker Tag für Tag: Auf den einen Experten repliziert stets fundamental different der Gegenexperte. Der Expertise folgt im raschen Takt der scharf kontrastierende Alternativvorschlag – alles im Gewande strengen Expertentums.

Denn leider ist es so: Es gibt im Raum von Gesellschaft, Politik und Ökonomie die unzweifelhafte, pure Objektivität nicht, infolgedessen erst recht nicht die über Jahre gerne proklamierte Alternativlosigkeit. Was den einen klugen Köpfen rundum einsichtig erscheint, werden die anderen mit bestechenden Belegen für ihre Haltung gänzlich abwegig finden. Das, was angeblich unleugbar ist, wird subjektiv konstruiert und ausgedeutet, durch verschiedenartige normative Perspektiven, gesellschaftliche Orte, kulturelle Werte und handfeste Interessen der Betrachter und Interpreten.

Im Grunde weiß die Politik dies alles. Aber sie braucht etwas, woran sie sich in der verwirrenden Vielfalt halten kann. Der Experte wird so zum Schirmherrn ihres verunsicherten Tuns. Zwar parlieren Politiker gerne über „Strategie“, doch geht es sonst kaum irgendwo so mäßig strategisch zu wie in der Politik. Gute Politiker verlassen sich auf ihre Intuition, ihren Gefahreninstinkt, ihren Möglichkeitssinn, ihr Verständnis von Macht und Geschichte, auf ihre Zukunftsahnung. Und in der Tat: Die großen runden Tische der Experten stören dabei eher nur. Sie werden nicht ausgleichen können, was an politischer Führungsqualität fehlt.

Franz Walter ist Politologe und Direktor des Göttinger Instituts für Demokratieforschung.

Autor:  Franz Walter
Datum:  17 | 11 | 2011
Kommentare:  2
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
US-Wahl 2012: Countdown für Obama

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl


Sonderthema
Protest in Libyen.

Tunesien, Ägypten, Libyen, Algerien, Jemen - das Volk wagt den Aufstand gegen die Autokraten. Einige sind gefallen, andere bekämpfen die Revolutionäre bis aufs Blut.

Spezial
Die Gegner von S 21 freuen sich über den Etappensieg.

Seit Februar 2010 laufen Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof. Diskussion, Hintergründe, Fotostrecken und mehr im FR-Spezial.

Anzeige

In eigener Sache

FR-Online.de möchte Lesern unter vielen Texten zielführende Diskussionen ermöglichen. Die Redaktion prüft Beiträge in verschiedenen Verfahren.

Video
Fotostrecke
Plaßmanns Welt (295 Bilder)
Spezial

Bespitzelung von Beschäftigten, Datenklau, Elena, Swift - Was passiert mit unseren Daten?

Anzeige

 
Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

Fotostrecke
Plaßmanns Klima (19 Bilder)
Quiz
Der zurückgetretene Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg holt seine Entlassungspapiere im Schloss Bellevue ab (03.03.2011).

Guttenberg hatte einen guten Grund. Aber weshalb sind Horst Köhler oder Richard Nixon abgetreten?

Revolte

Protest und Party, Revolte - aber keine Revolution: 1968 hat die Gesellschaft nachhaltig verändert.