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Kolumne: Angela Merkel ist eine Elster

Die Konservativen sind nicht mehr rechts. Sie zieren sich mit jeder Idee, wenn es denn nützt. Von Klaus Kocks

Professor Klaus Kocks ist Meinungsforscher
Professor Klaus Kocks ist Meinungsforscher
Foto: FR

Das Regime Merkel in Staat und Partei bietet ein buntes Allerlei. Stramme Konservative vermissen in "ihrer" Union mittlerweile die rechten Töne. Teile der CDU-Wählerschaft sind irritiert, wenn die protestantische Pfarrerstochter aus dem Osten selbst den Papst an den Ohren zieht.

Weder Frauen- noch Ausländerfeindliches ist von den Christlich-Konservativen zu hören. Die Sozialstaatsidee, einst Liebling der Sozis, wird gepflegt. So will die CDU Volkspartei bleiben, sprich eine eigene Mehrheit organisieren. Arbeitsmarkt- und Familienpolitik aus sozialdemokratischem Guss, ein christlicher Arbeiterführer an Rhein und Ruhr, jedes grüne Versprechen der Welt, so klingt heute rechte Politik. Die parteipolitische Strategie der CDU-Vorsitzenden Merkel wird damit beschrieben, dass sie die Partei vom rechten Rand in die Mitte rücke und nach links öffne. Das klingt kulturrevolutionär und wird mit den Manövern des Gerhard Schröder verglichen, der die SPD in die Mitte gerückt habe.

Das stimmt so nicht. Diese politische Geometrie von glorreicher Mitte und Extremen auf der Rechten wie Linken ist eine blinde Metaphorik. Sie klingt plausibel, aber eigentlich sagt sie gar nichts. Schröder hat die SPD sozialtechnokratisch verhartzt, aber nicht verbürgerlicht. Was Merkel treibt, ist keine Wertordnung, sondern Opportunismus. Auf der verzweifelten Suche nach Mehrheiten ist sie bereit, all das zu versprechen, was ihr Zustimmung bescheren könnte. Allerletzter Orientierungspunkt ist dabei das sogenannte christliche Menschenbild. Ein vager Topos, der für alles zu gebrauchen ist. So plündern Merkel und die Ihren munter sozialdemokratische, grüne und liberale Inhalte.

Merkel ist eine ideologische Elster. Und die Sozis pflegen das dumme Gesicht des gefiederten Gevatters aus den Schwarzwalduhren. Dieser Vergleich mit der Vogelwelt bedarf des Ausholens. Warum gleichen die Sozis dem Kuckuck, der zwar Eier legt, aber sie dann nicht ausbrütet?

Ich liebe den Schauspieler Jack Nicholson. Eine seiner Starrollen war in einem Film über ein Irrenhaus mit dem Titel "Einer flog übers Kuckucksnest". Bestimmt fünf oder zehn Mal habe ich das Hollywood-Opus gesehen und mich vergnügt, ohne mir Gedanken über den Titel zu machen. Erst jetzt geht mir ein Licht auf. Ein Kuckuck baut keine Nester, folglich kann er nicht über ebensolche fliegen. Er unterschiebt anderen Brütern seine ungeborenen Nachkommen. Ein raffinierter Hund, der Kuckuck: tolle Eier, aber keine Kinder.

Weniger Sympathie bringe ich dagegen der Elster entgegen, diesem stattlich anzusehenden Vogel in vornehmem Schwarz-Weiß mit eindrucksvoller Schwanzfeder. Die Elster, schon bei den Gebrüdern Grimm als diebisch gebrandmarkt, ist nämlich ein Nesträuber. Sie ernährt sich vom ungeborenen Nachwuchs ihrer Artgenossen. Kindesmord noch vor dem Schlüpfen, pfui Teufel. Evolutionstechnisch ist das aber durchaus trickreich. Man stärkt die eigene Art mit frischen Eierspeisen und lässt andere Arten erst gar nicht gedeihen. Irgendwie clever. Trotzdem finde ich das nicht bewundernswert. Dann lieber Kuckuck: sich selbst die Elternmühen ersparen, aber dem Nachwuchs eine faire Chance gewähren.

Die SPD lässt ihre Politik von der Union ausbrüten. Und so bleibt Sigmar Gabriel politisch ein kinderloser Vater und die kinderlose Merkel, dank Nestraub, die Mutter der Nation.

Professor Klaus Kocks ist Meinungsforscher.

Autor:  Klaus Kocks
Datum:  8 | 2 | 2010
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