kalaydo.de Anzeigen

Meinung
Kommentare, Kolumnen, Analysen

28. November 2012

Kolumne: Angst ist die neue Gier

 Von Matthias Horx, Trend- und Zukunftsforscher
Die junge Generation bemitleidet sich selbst und sagt sie erbe einen ausgebeuteten Planeten.  Foto: ddp

Die Sprache des maximalen Alarms ignoriert immer die Tatsache, dass die Dinge längst in Bewegung sind.

Drucken per Mail

Wir erinnern uns: Früher gab es die Pizza-Connection. Da trafen sich junge Grüne, Schwarze, Rote und Gelbe, um über Gemeinsamkeiten und neue Ideen zu verhandeln. Man dachte über die eigenen ideologischen Schützengräben hinaus, und auf diese Weise wurde Politik durchgelüftet. Vor kurzem nun veröffentlichten junge politisch Engagierte von SPD, Grünen, CDU, Piraten und Linken das gemeinsame Generationsmanifest „Unsere Zukunft klingt nach Katastrophe“ (Zeit, 15. November, S. 13). Es beginnt so:

„Wir sind jung, kommen aus unterschiedlichen politischen Strömungen und vertreten eine Generation, die selten eine Stimme hat. Eine Generation, die einen ausgebeuteten Planeten erbt. Mit sozialer Ungerechtigkeit und gigantischen Schuldenbergen. Eine Generation, die an den Folgen eines kurzsichtigen Finanzkapitalismus leidet und die Krise der europäischen Idee erlebt. Unsere Zukunftsmusik klingt nach Klimakatastrophe. Bildungsnotstand und Schuldenorgien. All dies auf Kosten von – uns.“
Wer möchte da weiterlesen? Keine Stimme haben? Im Internet-Zeitalter? Könnte nicht jede Gruppe – die Krankenschwestern, die Alten, die Schönen und die Hässlichen, Polizisten, Jäger, Beamte und Würstchenbudenbetreiber, eine ähnliche Rechnung aufmachen? Finanzkapitalismus. Klimakatastrophe, Schuldenorgien, ausgebeuteter Planet? Dieses Doomsday-Vokabular ist unpolitisch. Der Job des Politischen ist die Darstellung dessen, wie Wandel funktionieren könnte. Könnte man es nicht so versuchen?

Wir sind jung, kommen aus unterschiedlichen politischen Strömungen und vertreten eine Generation, die unglaubliches Schwein gehabt hat. Wir haben keinen Krieg erlebt. Wir sind im Wohlstand aufgewachsen; wir können reisen, wohin wir wollen. Wir wollen neue Ideen entwickeln, um dies alles zu erhalten und weiter zu entwickeln. Europa braucht neue Regeln auf einer komplexeren Ebene. Der Sozialstaat muss effektiver werden, indem er den Bedürftigen hilft, und diejenigen, die sich selbst helfen können, assistiert. Neue Technologien und neue Allianzen zwischen Unternehmen, Staat und Bürgergesellschaft können den erneuerbaren Energien zum Durchbruch verhelfen und Knappheiten, die durch Alterung und soziale Spannungen entstehen, beheben helfen. Wir möchten, dass unsere Schulen von Wissensmaschinen zu Stätten der individuellen Talentbildung umgebaut werden. Für die Zukunft müssen wir Politik jenseits des Lagerdenkens neu formulieren.

 Matthias Horx.
Matthias Horx.

Ein solcher Text würde neugierig machen. Er würde nicht die Probleme ignorieren. Aber er vermeidet den Untergangs-Konformismus. Die Sprache des maximalen Alarms ignoriert immer die Tatsache, dass die Dinge längst in Bewegung sind. „Bildungsnotstand“ – ein solches Wort denunziert, dass Tausende von guten Lehrern, Schulleitern, Pädagogen, Schülern heute neue Wege der Bildung versuchen. „Gigantische Schuldenberge“ – das gilt vielleicht in Griechenland, aber was ist mit den baltischen Staaten, mit der Krisenbewältigung Irlands, mit Polens Erfolg und Skandinaviens Modell? So, wie früher sorglos immer alles so weitergehen sollte, rennen wir heute wie eine Hammelherde in die andere Richtung. Angst ist die neue Gier. Und mindestens genauso gefährlich für unsere Zukunft wie die Gier selbst.

Jetzt kommentieren

Ressort

Leitartikel, Analysen und Kolumnen unserer Autoren und Korrespondenten


Die FR erscheint weiter

"Was können die Leserinnen und Leser jetzt tun, um der Frankfurter Rundschau zu helfen?", fragte die FR den Insolvenzverwalter Frank Schmitt im Interview.

Seine Antwort: An den Kiosk gehen und die Frankfurter Rundschau kaufen und Anzeigen schalten. "Alles, was aktuell zum Umsatz beiträgt, ist hilfreich."

Die Zeitung erhalten Sie aktuell im Solidaritäts-Abonnent.

Die preisgekrönte FR-App bekommen Sie ebenfalls im Abo als Paket mit unserem E-Paper oder im Einzelverkauf im App-Store und bei Google Play.

Anzeigen sind möglich in Zeitung, App und auf der Website. Der Verlag informiert über die Konditionen.

Sonderthema
Protest in Libyen.

Tunesien, Ägypten, Libyen, Algerien, Jemen - das Volk wagte während des "Arabischen Frühlings" den Aufstand gegen die Autokraten. Lesen Sie hier, was aus den revolutionären Bestrebungen geworden ist und wie die politische Lage in Arabien heute aussieht.

Spezial
Die Gegner von S 21 freuen sich über den Etappensieg.

Seit Februar 2010 laufen Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof. Diskussion, Hintergründe, Fotostrecken und mehr im FR-Spezial.

Anzeige
Fotostrecke
Plaßmanns Welt 2013 (20 Bilder)
Spezial

Bespitzelung von Beschäftigten, Datenklau, Elena, Swift - Was passiert mit unseren Daten?

Anzeige
Fotostrecke
Plaßmanns Klima (19 Bilder)
Quiz
Der zurückgetretene Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg holt seine Entlassungspapiere im Schloss Bellevue ab (03.03.2011).

Guttenberg hatte einen guten Grund. Aber weshalb sind Horst Köhler oder Richard Nixon abgetreten?

Interaktive Karte
Die Karte "Freiheit im Internet 2011" wurde von der NGO Freedom House erstellt - und von der FR als Google Map umgesetzt.

FR-online.de zeigt die Ergebnisse der Studie "Freedom on the Net 2011" in einer interaktiven Karte.