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Kolumne: Angst macht dumm

Nicht nur hierzulande gibt es eine Angstwelle nach der anderen. Gebt acht vor den Muslimen, insbesondere denen des arabischen Raumes, heißt es. Dabei ist nur die Furcht mitunter ein kluger politischer Ratgeber, Angst dagegen ist es nie. Von Herfried Münkler

Herfried Münkler ist Politikprofessor an der Humboldt-Universität zu Berlin.
Herfried Münkler ist Politikprofessor an der Humboldt-Universität zu Berlin.
Foto: FR

Seit einem Jahrzehnt etwa durchziehen Angstwellen gegenüber den Muslimen, insbesondere denen des arabischen Raumes, die west- und mitteleuropäischen Länder. Einmal sind es Männer als potenzielle Selbstmordattentäter, die im Focus dieser Angst stehen, dann aber auch Frauen, deren Fertilität dazu führen werde, dass Europa über kurz oder lang islamisch werde. Und wenn weder von gewaltbereiten Männern noch von fruchtbaren Frauen die Rede ist, dann geht es um den dritten Focus der Angst, der mit den Muslimen in Europa verbunden ist: dass sie sich bevorzugt in der sozialen Hängematte aufhielten, dadurch die sozialen Sicherungssysteme überforderten und Europa auf diese Weise ökonomisch zugrunde richteten.

Zur Zeit macht eine Initiative der Schweizer Volkspartei gegen den Bau von Minaretten von sich reden. Die Plakate, mit denen zur Unterstützung dieser Initiative geworben wird, setzen unverkennbar auf Angst. Dieses Spiel mit der Angst war es auch, das die Äußerungen des früheren Berliner Finanzsenators Thilo Sarrazin über Kopftuchmädchen zu einem Skandal gemacht hat. Inhaltlich mag man über manche Beobachtungen Sarrazins diskutieren können, wie dies dessen Verteidiger gefordert haben. Aber die Wellen der Erregung geschlagen haben nicht diese Beobachtungen, sondern Formulierungen, die im Sprachgestus auf Angstmache abgestellt waren.

Im Deutschen lässt sich sehr genau zwischen Furcht und Angst unterscheiden: Furcht ist objektbezogen, sie ist eine Reaktion auf Gefahr und Bedrohung. Es gibt für sie einen identifizierbaren Grund. Furcht kann bearbeitet werden, indem dieser Grund beseitigt oder, wenn dies nicht möglich ist, eine Sicherung gegen seine Einwirkung errichtet wird. Angst dagegen ist frei flottierend. Sie ist eine Befindlichkeit, deren Ursachen in den Menschen und nicht in der Welt zu suchen sind - auch wenn die Verängstigten versichern. nicht sie, sondern die äußeren Entwicklungen seien das Problem. Wer Angst hat, dem wird alles zur Ursache seiner Ängstlichkeit, und wenn die eine Ursache beseitigt ist, so hat er sogleich drei weitere zur Hand.

Vor allem in der Politik kommt es darauf an, zwischen Furcht und Angst genau zu unterscheiden. Eine Politik, die beides miteinander verwechselt, kann verheerende Folgen haben. Furcht ist mitunter ein kluger politischer Ratgeber; Angst dagegen ist nie ein guter Ratgeber. Furcht macht klug; Angst macht dumm. Aber auch wenn man diese Unterscheidung akzeptiert, besteht das Problem, im konkreten Fall zu identifizieren, was Furcht und was Angst ist. Politische Kämpfe werden nicht zuletzt darüber geführt, dass Furcht als Angst denunziert und Angst als Furcht ausgegeben wird.

Das gilt auch für den Umgang mit den Muslimen. Die Vielzahl der Gründe, warum wir angeblich vor ihnen auf der Hut sein sollten, spricht dafür, dass hier mehr Angst als Furcht im Spiel ist. Vor allem fällt ein mangelndes Vertrauen in die Attraktivität der eigenen gesellschaftlichen und kulturellen Ordnung auf. Warum soll eigentlich das, was für uns selbst attraktiv ist - Frieden, Wohlstand und ein gutes Leben - auf Muslime keine Anziehungskraft besitzen. Angst macht sich dort breit, wo man kein Vertrauen zu sich selbst hat. Mehr Selbstvertrauen erleichtert uns und anderen gelingende Integration.

Herfried Münkler ist Politikprofessor an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Autor:  Herfried Münkler
Datum:  18 | 11 | 2009
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