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Kolumne: Arbeitsplatz Politik

Meckern ist billig. Mitmachen wäre besser. Das Land braucht keine Zuschauerdemokratie mit Abwatscheffekt. Von Eckart D. Stratenschulte

Professor Eckart D. Stratenschulte ist Leiter der Europäischen Akademie in Berlin.
Professor Eckart D. Stratenschulte ist Leiter der Europäischen Akademie in Berlin.
Foto: FR

Zack! Da haben die Politiker wieder eine Abreibung bekommen. Es war Europawahltheater, und die Leute haben nicht geklatscht, ja sie sind nicht einmal hingegangen. Das geschieht den Parteien recht, jetzt sitzen die Parlamentarier mit dem mulmigen Gefühl in ihren Abgeordnetenbänken, nur von einer Minderheit gewählt zu sein. Immer vorausgesetzt, dass sie überhaupt im Parlament anwesend sind und nicht lieber woanders Einnahmen erzielen, worüber wir ja auch einiges gehört haben.

Keine Frage: Die Bürger sind unzufrieden mit ihren Politikern. Sie sind nicht so gut, wie sie sein sollen, nicht so fleißig, nicht so herzlich und nicht so uneigennützig, wie wir sie gern hätten. Kurzum: Sie sind wie wir - und das ist ihr Problem, und deshalb wählen wir sie nicht.

Bedauerlicherweise sind Wahlen allerdings etwas anderes als der Beifall im Theater. Mit ihnen soll nämlich nicht Lob für Vergangenes gezollt, sondern die Zukunft gestaltet werden. Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus, sagt das Grundgesetz, aber das Volk scheint darauf keine Lust mehr zu haben. Wir lassen uns lieber von anderen bestimmen, über die wir gleichzeitig heftig schimpfen. Dabei sind wir fest davon überzeugt, dass jeder von uns das besser könnte als die Politiker. Unglücklicherweise haben wir keine Zeit: Montags ist Sport, dienstags Skatabend, mittwochs kommen die Spielfilme und donnerstags die Schwiegereltern, am Freitag wird gegrillt, und am Wochenende müssen wir uns erholen und außerdem einkaufen. In der Fußgängerzone treffen wir dann an einem traurigen Wahlkampfstand die Politiker, die einfach rumstehen, während wir schwere Tüten schleppen müssen. Denen müsste man eigentlich mal richtig die Meinung sagen, aber dann würde die Tiefkühlpizza auftauen, also strafen wir sie lieber mit Missachtung.

Ernsthaft: Wir sollten einmal debattieren, wie wir uns unsere Politiker eigentlich vorstellen und was wir denen, die den Job machen sollen, dafür anbieten. Alle klagen, die Bundestagsabgeordneten würden zu gut bezahlt, aber kein beruflich Erfolgreicher will den Job für das Geld machen. Wir sind der festen Überzeugung, unser Privatleben gehe keinen etwas an, meinen aber gleichzeitig, dass wir einen Anspruch darauf hätten, aus dem persönlichen Umfeld der Politiker alles zu erfahren. Wir erwarten von Politikern, dass sie sich an Regeln und Gesetze halten - außer in dem einen Fall, in dem wir etwas von ihnen wollen. Wir möchten am Wochenende unsere Ruhe haben, gehen aber selbstverständlich davon aus, dass Politiker auch sonntags zur Verfügung stehen, wenn wir eine Kindergartenparty veranstalten. Und zu alledem verweigern wir den Politikern die Anerkennung, die - wie wir alle wissen - für ein erfolgreiches Arbeitsleben so wichtig ist.

Diese Arbeitsplatzbeschreibung ist nicht sehr attraktiv, und so wundert es kaum, dass wenige Menschen bereit sind, sich überhaupt politisch zu engagieren. Natürlich müssen Skandale veröffentlicht, unangenehme Fragen gestellt und kritische Bemerkungen ausgesprochen werden. Politik lebt ja vom kritischen Diskurs. Der hat aber damit zu tun, sich selbst einzubringen und um die beste Lösung zu ringen, und ist etwas anderes als die Zuschauerdemokratie mit Abwatscheffekt. Wir sollten mit der Umstrukturierung unseres Unternehmens Bundesrepublik Deutschland beginnen, bevor es Insolvenz anmeldet.

Professor Eckart D. Stratenschulte leitet die Europäische Akademie in Berlin.

Autor:  ECKART D. STRATENSCHULTE
Datum:  9 | 6 | 2009
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