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14. Mai 2012

Kolumne: Arsch huh und Gesicht zeigen

 Von Anetta Kahane
Anetta Kahane ist Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.

Natürlich ist man gegen Rassismus. Am liebsten gegen den der anderen. Aber es braucht mehr als nur Bekenntniskultur.

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Folgt man dem Schwarm des Internets, gibt es in Deutschland nach Wortstatistik zweieinhalb Arten von Rassismus. Beim täglichen Check in den Suchmaschinen taucht die Begriffshülse Rassismus am häufigsten als etwas auf, gegen das man sich selbstverständlich wendet. Aktionen wie „Schweinau zeigt Gesicht gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus“ gibt es in unzähligen Varianten. Die Bekenntniskultur blüht: Schulen und Betriebe – überall spricht man sich gegen Rassismus aus, gut eingepackt zwischen Rechtsextremismus und Antisemitismus. Rote Karte, Flagge, Aktionswochen, Foren, Kampf, Telefon, Unis, Inis, Demos, meine Hand, Fußball, Zeichen oder gar „Arsch huh gegen Rassismus!“ Das klingt wie ein Volkssport, weil weiße Deutsche einfach zu faul am Computer sitzen.

Die zweitbeste Trefferquote hat das Wort Rassismus im Zusammenhang mit den USA. Da ist er bekanntlich zu Hause. Wenn dort Promis etwas Rassistisches sagen, steht es auch in Deutschland in der Zeitung. Den unterdrückten Schwarzen in Amerika gilt die Sympathie der Medien immer dann, wenn wieder etwas Schreckliches geschehen ist. Der Mord an dem jungen Schwarzen Trayvon Martin löste auch hierzulande Empörung aus. Die Amerikaner sind, das weiß hier jedes Kind, eben gottverdammte Rassisten. Und schließlich findet der Schwarm einen Rassismus, den es gar nicht gibt. Deshalb kommt er auch nur halb vor. Ein Plakat mit lachendem, schwarzem Jungen, hinter afrikanischer Trommel sitzend, wirbt für eine Musikschule. Daneben steht: „Wir haben Rhythmus im Blut“. Das ist natürlich nicht rassistisch, verteidigen sich die Macher. Ebenso wenig wie schwarz bemalte Schauspieler auf deutschen Bühnen mit oder ohne Affenkostüm, die Afrikaner oder generell Fremde darstellen. Oder lustige Karikaturen im Polizeikalender. Mit dicklippigen Schwarzen, die mal wieder Ärger machen. Das sei Freiheit der Kunst, heißt es dann. Und wenn Afrodeutsche vor Discos abgewiesen werden, dann gewiss nur, weil schon so viele Schwarze drin sind.

Alltagsrassismus – Feiertagsrassismus, alles nur Einbildung von oberempfindlichen „Betroffenen“ oder schlimmer: von politisch Korrekten. Diejenigen, die hier das Sagen haben, entscheiden, was Rassismus ist und was nicht. Und da man ihn nur bei Amerikanern kennt oder bei richtig üblen Nazis, muss darüber auch nicht weiter nachgedacht werden.

Innenminister Friedrich berichtet von einem Anstieg von über 21 Prozent bei rassistisch motivierter Gewalt. Das kommt aus dem Bauch der Gesellschaft und nicht nur von durchgeknallten Nazis. Deutschland ist ein provinzielles Entwicklungsland mit seiner verleugnenden Sturheit. Der Schwarm ist dumm und ignorant, rassistische Wirklichkeit will niemand erkennen. Während hier von den „Fremden“ Integration gefordert wird, entwickelt sich die globalisierte Welt schnell weiter. Da wird es Deutschland schwer haben, mit seinem in die Vergangenheit gerichteten Blick, in der es noch eine weiße Herrenrasse gab. Nun muss sich diese weiße Gesellschaft selbst global integrieren – auch die deutsche. Dieses Land wird sich beeilen müssen, seine Bekenntniskultur gegen Rassismus in die Wirklichkeit zu übersetzen. Höchste Zeit, den „Arsch huh“ zu machen. Ob Schweinau nun Gesicht zeigt oder nicht!

Anetta Kahane ist Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.

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