Die Offensive des pakistanischen Militärs gegen die Taliban in den sogenannten Stammesgebieten wird nicht ohne Folgen für die Lage im benachbarten Afghanistan bleiben. Kurzfristig ist damit zu rechnen, dass die aus Süd-Waziristan vertriebenen Talibankrieger nach Afghanistan ausweichen und dort den Druck auf die Streitkräfte der Nato, vor allem die der USA, erhöhen werden. Das pakistanisch-afghanische Grenzgebiet gleicht einem System kommunizierender Röhren: Wird am einen Ende Druck ausgeübt, steigt der Pegel am anderen Ende.
Das gilt im Übrigen nicht nur für das pakistanisch-afghanische Grenzgebiet, sondern für die gesamte Region. Als die iranische Revolution des Ayatollah Khomeini entschieden gegen den Rauschgiftanbau und -handel im eigenen Land vorging, verlagerte sich das Zentrum der Heroinproduktion nach Afghanistan, wo sich mit dem Einmarsch der Roten Armee der Bürgerkrieg verschärft hatte und alle, die sich als Mudschahedin drapierten, mit dem Wohlwollen der USA und des pakistanischen Geheimdienstes rechnen konnten. Die grenzübergreifenden Verbindungen und Verflechtungen zeigten sich jüngst auch darin, dass jene sunnitische Terrorgruppe, die den schweren Anschlag auf die iranischen Revolutionsgarden durchführte, von Pakistan aus operiert. Die Konflikte des Mittleren Ostens machen an den Staatsgrenzen nicht halt, ebenso wenig wie sich die ethnischen oder religiösen Solidaritäten durch diese Grenzen unterbrechen lassen. Das macht jeden Versuch äußerer Einflussnahme in der Region so diffizil.
Umso erstaunlicher ist es, wie die Bundesregierung je glauben konnte, es sei möglich, den Bundeswehreinsatz in Afghanistan auf den Norden zu begrenzen und die Friedensmission Isaf von dem Kampfeinsatz der "Operation Enduring Freedom" in Süd- und Südostafghanistan zu trennen. Mit dem Beginn der pakistanischen Offensive in Süd-Waziristan wird sich der illusionäre Charakter dieser Trennung noch deutlicher zeigen. Schon lange freilich ist der Norden nicht mehr so ruhig, wie er das beim Eintreffen der ersten Bundeswehrkontingente gewesen ist. Als die von Pakistan nach Afghanistan führende Hauptnachschubroute der Nato-Verbände immer stärker von Anschlägen bedroht und gelegentlich sogar unterbrochen wurde, eröffnete man zusätzliche Nachschubrouten, die aus den zentralasiatischen Republiken nach Afghanistan führen. Damit gewann der Norden des Landes für die Konfliktparteien an strategischer Bedeutung. Seitdem geraten Patrouillen der Bundeswehr häufiger in militärische Hinterhalte oder werden in regelrechte Gefechte verwickelt.
Diese Entwicklung ist von den politisch Verantwortlichen in Berlin erst sehr spät realisiert worden. Sie wäre bei einem Blick auf die Gesamtregion leicht vorherzusehen gewesen. Doch die Neigung zu selbstversonnener Schläfrigkeit ist nicht bloß bei den Deutschen zu beobachten. Die Einsatzplanung der Nato ist von Anfang an viel zu wenig mit Blick auf die Gesamtregion erfolgt. Man hatte geglaubt, die Herausforderung lokalisieren und lokal beantworten zu können. Die Entwicklung der nächsten Wochen in der Region wird zeigen, was für ein Irrtum das war. Sie bietet freilich zugleich die wohl letzte Möglichkeit zu einer Korrektur der vorangegangenen Fehler, die nicht auf Rückzug hinausläuft.
Herfried Münkler ist Politikprofessor an der Humboldt-Universität zu Berlin.

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