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Kolumne: Bajazz Guido mit der Laterne

In der Karnevalszeit gilt die überstaatliche Regulierung nicht. Deshalb durfte Guido Westerwelle an Weiberfastnacht seine finsterste Maske aufsetzen, um noch mal richtig auf die Hartz-IV-Sahne zu hauen. Aber es naht ja die Fastenzeit, um Körper und Geist zu reinigen. Von Mario Müller

Mario Müller ist freier Autor.
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Foto: FR

Einer geht noch bis zur Nacht vor dem Fasten. Von Aschermittwoch an heißt es dann wieder: Finger weg von Mettbrötchen, Kartoffelchips und Alkopops. Stattdessen üben wir uns 40 Tage (außer sonntags) lang in Abstinenz, wenn nicht gar in Askese, reinigen Körper sowie Geist, auf dass unsere Wahrnehmung geschärft werde und unsere Willenskraft gestärkt.

Und bitte: "Wenn ihr fastet, macht kein finsteres Gesicht wie die Heuchler." Sondern "salbe dein Haar und wasche dein Gesicht, damit die Leute nicht merken, dass du fastest." Nur das sei gottgefällig, hat Jesus in der Bergpredigt verkündet.

In der Karnevalszeit gilt diese überstaatliche, ach was: überirdische Regulierung selbstverständlich nicht. Deshalb durfte Guido Westerwelle auch ohne Bedenken an Weiberfastnacht seine finsterste Maske aufsetzen und mit gesalbtem Gesicht und gewaschenem Haar in die Bütt steigen, um noch mal richtig auf die Sahne zu hauen. Lustvoll zog er gegen die "sozialistischen Züge" in der Diskussion über Hartz IV oder gegen die "Leichtfertigkeit im Umgang mit dem Leistungsgedanken" vom Leder.

Narhallamarsch auch für Westerwelles Wendung, gerade die Jugend müsse lernen, "dass Leistung keine Körperverletzung ist". Das hätte der Bajazz mit der Laterne, dessen reaktionäre Sprüche in den 1960er Jahren das mittelschichtige Mainzer Fassenachts-Publikum begeisterten, nicht schöner formulieren können. Nur: Welchen Reim soll man sich auf Zeilen wie "Empfänger sind in aller Munde" machen? Da muss wohl noch etwas gefeilt werden.

Als ihm Kritiker für diese intellektuelle Meisterleistung mehr als Leichtfertigkeit im Umgang mit den Gedanken vorwarfen, erwiderte Westerwelle frohgemut, er spreche halt die "Sprache, die verstanden wird". Zum Beispiel von Jörg-Uwe Hahn. Der hessische FDP-Chef hatte zuvor den Absturz seiner Partei in Umfragen damit erklärt, nach der Wahl habe es ein "Denkverbot" gegeben, das vom Vorsitzenden gekommen sei. Diese Bemerkung wirft nun interessante Fragen auf: Fällt Westerwelles Hartz-Tirade noch in die Denkverbotszone? Oder ist sie das Zeichen, dass die Gedanken wieder frei flottieren dürfen in den Köpfen der Liberalen? Vor allem aber: Welche Alternative muss man mehr fürchten?

Der Zustand der FDP lässt sich einerseits auf die karnevalesken Ausschweifungen zurückführen, bei denen sich die Parteioberen als Steuerreformer oder Kopfpauschalisten verkleideten. Zu neoliberalen Nervenbündeln wurden sie aber erst durch die anschließende Abmagerungskur von 15 auf acht Prozent, also gewissermaßen durchs Fasten, das trotz Haar- und Gesichtspflege nicht unbemerkt blieb.

Wie überhaupt das Fasten, das Festhalten an gewissen Vorschriften, eine diffizile Angelegenheit ist. Früher durfte der fromme Christ in der Passionszeit bis Ostern täglich nur drei Bissen Brot und drei Schluck Wasser (ersatzweise Bier) zu sich nehmen. Inzwischen sind zwar auch Milchspeisen und Fisch erlaubt. Letztlich kommt es aber auf das geistliche Fasten an, das neben Beten auch erfordert, barmherzig und gerecht zu sein.

Das ist selbst dann nicht leicht, wenn es auf 40 Tage beschränkt bleibt und durch Wildlachsröllchen animiert wird. Dabei wäre schon geholfen, wenn etwas mehr geistige Enthaltsamkeit einzöge in Berlin und anderswo. Wie das geht, zeigt die SPD: Sie ist mittlerweile fast völlig abstinent.

Mario Müller ist freier Autor.

Autor:  Mario Müller
Datum:  15 | 2 | 2010
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