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10. Juni 2011

Kolumne: Beschämendes Desinteresse

 Von Anetta Kahane
Anetta Kahane.

Glaube schützt nicht vor rechtsextremer Haltung. Hinweise darauf gab es auf dem Evangelischen Kirchentag in Dresden.

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Der Kirchentag ist vorbei; die Veranstalter sind zufrieden. So viel Politik und so viel Einigkeit: Frieden ist gut, Krieg ist böse, Atomkraft gehört abgeschafft, die Umwelt geschützt. Alle Veranstaltungen dazu waren überfüllt. 120000 evangelische Teilnehmer feierten in Dresden mit islam-grünen Schals ihren Glauben. Die Elbe lag in goldenem Licht, vor dem die dunkle Silhouette der barocken Stadt besonders prächtig wirkte. Die Dresdner sind darauf stolz – keine der im Zweiten Weltkrieg von den Alliierten bombardierten deutschen Städte war so schön wie diese und ist es heute wieder. Keine andere Stadt ist ihrer Schönheit und ihrer Toten wegen so sehr zum Symbol des deutschen Opferstolzes geworden wie Dresden.

Das sehen auch die Nazis so. Jedes Jahr kommen sie von überall her und demonstrieren, wie bizarr und gefährlich der Opferkult werden kann, wenn er rechtsextrem aufgeblasen wird. Um die Toten der Bombennächte wird jedes Jahr am 13. Februar getrauert. Diese Toten der Dresdner werden jedoch in eine Reihe mit allen anderen Opfern gestellt, der Krieg von damals in eine Reihe mit allen anderen Kriegen der Welt – so die grundsätzliche Gemeinsamkeit von Kirchentagsbesuchern und Dresdnern, ob mit oder ohne Glauben. Doch wo über Ursache und Wirkung von Krieg und Bomben nur verdruckst geredet wird, sollten Gemeinplätze über Frieden lieber ungesagt bleiben.

Bei der zentralen Veranstaltung zu Kirche und Rechtsextremismus blieb der große Konferenzraum halb leer. Aus einer eingangs vorgestellten Studie ging hervor, dass Glaube nicht vor rechtsextremen Einstellungen schützt – egal in welcher Religion. Im Gegenteil: Der Anteil jener, die davon ausgehen, dass Menschen unterschiedlich viel wert sind, ist unter Religiösen signifikant höher als unter Konfessionslosen. Nach dieser Diagnose berichteten Initiativen und Personen aus ihrem Alltag mit Nazis und der harten Auseinandersetzung mit ihnen. Besonders in Sachsen ist das schwer – wegen ihrer Anzahl und des Organisationsgrads und wegen mangelnder Klarheit bei den Verantwortlichen in Freistaat und Kirche. Ähnliche Diagnosen kamen aus anderen Regionen Deutschlands. Christen sind aus Unterlassung häufig Teil des Problems. Umso bewundernswerter ist der Kampf der Pfarrerinnen und Pfarrer, hier nicht duldsam zu sein. Das christliche Menschenbild, so sagten sie, vertrage sich nicht mit Abwertung und Vorurteil. Solche Pfarrer sind in der Minderheit.

Solange Christen die ermordeten Juden und die Toten von Dresden dem gleichen Opferstolz zuordnen, werden Vorurteile nicht verschwinden. Solange Rechtsextremismus und Vorurteile in den eigenen Reihen nicht ernst genommen werden, stimmt etwas nicht. Deshalb klingt es selbstgerecht, wenn Margot Käßmann aus Deutschland der Welt den Frieden erklärt. Gewiss ist das nicht das Gleiche, wie der Welt den Krieg zu erklären, doch umso mehr besteht Anlass zu Bescheidenheit in dieser Frage. Denn solange es noch einen Neonazi in diesem Lande gibt oder einen rassistischen Christen, sollte Kirche in Deutschland mit diesen ringen, statt mit Taliban beten zu wollen.

Am Ende der Veranstaltung waren noch 200 Zuschauer da. Zu wenig, um nach den Kirchentagsregeln eine Resolution gegen Rechtsextremismus zu verabschieden.

Anetta Kahane ist Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.

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