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13. März 2011

Kolumne: Bildung ist nicht alles

 Von 

Ein guter Schulabschluss, heißt es, garantiere einen guten Job. Das ist falsch. Der Fortschritt gefährdet auch den Mittelstand.

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Bildung ist der Schlüssel für ökonomischen Erfolg. Die Behauptung wird allgemein akzeptiert. Die Jobs der Zukunft verlangen mehr Fertigkeiten. Deshalb sagte US-Präsident Barack Obama jetzt auch wieder: „Wenn wir bessere Nachrichten vom Arbeitsmarkt hören wollen, müssen wir mehr in Bildung investieren.“
Jeder weiß das. Aber es ist falsch.
In einem Artikel der New York Times stand, für juristische Recherchen werde zunehmend Software eingesetzt. Computer können schnell Millionen Dokumente analysieren und damit preiswert eine Aufgabe erledigen, für die es ansonsten Armeen von Anwälten und Anwaltsgehilfen bräuchte. In diesem Fall reduziert der technologische Fortschritt die Nachfrage nach gut ausgebildeten Beschäftigten.
Und das ist kein Einzelfall. Computer ersetzen beispielsweise auch Ingenieure beim Entwurf elektronischer Chips. Die These, dass Hochtechnologie nur niedrige Arbeiten überflüssig macht, dass gut ausgebildete Menschen die Gewinner sind, mag die laufenden Debatte dominieren, doch sie stimmt schon seit langem nicht. Seit 1990 haben in den USA hochbezahlte und schlechtbezahlte Jobs stark zugenommen. Doch die Zahl der durchschnittlichen Arbeitsplätze, auf denen eine starke Mittelschicht basiert, ist langsamer gewachsen.
Woher kommt das? Der Glaube, Ausbildung werde ständig wichtiger, basiert auf der plausiblen Annahme, dass – vereinfacht gesagt – der Computer den Kopfarbeitern hilft und nicht den Handarbeitern. Die Ökonomen David Autor, Frank Levy und Richard Murnane haben dagegen argumentiert. Computer könnten besonders gut Routineaufgaben erledigen, schrieben sie in ihrer Studie. Diese Tätigkeiten aber sind in hohem Maße „White-Collar-Jobs“. Also zählen die Schreibtisch-Berufe zu den gefährdeten. Dazu kommt der Globalisierungseffekt. Früher mussten nur Fabrikarbeiter die Konkurrenz in Übersee fürchten. Heute können dank der Kombination von Computer und Telekommunikation Dienstleistungen von Leuten in weit entfernten Ländern übernommen werden.
Was heißt das jetzt für die Politik? Ja, wir müssen das Bildungssystem reformieren. Weniger begabte Kinder aus reichen Familien machen eher einen College-Abschluss als schlaue Kinder aus armen Familien. Das ist ein Skandal, aber nicht nur das: Es ist auch eine Verschwendung menschlicher Möglichkeiten.
Aber Bildung löst nicht alle Probleme. Die Vorstellung, mehr examinierte Studenten würden automatisch die Mittelschicht stärken, ist Wunschdenken. Ein Studienabschluss garantiert keinen guten Job.
Wenn wir eine Gesellschaft mit einer breiten Wohlstandsverteilung wollen, dann ist Bildung nicht die Antwort. Diese Gesellschaft müssen wir direkt aufbauen. Die Verhandlungsposition der Gewerkschaften, die in den vergangenen dreißig Jahren verloren gegangen ist, muss wieder gestärkt werden. So können auch Normalverdiener für gute Löhne kämpfen. Wir müssen jedem Bürger essenzielle Dinge garantieren, vor allem eine Krankenversicherung. Was wir nicht machen können, ist, Arbeitern einfach Studienabschlüsse zu geben. Womöglich sind das nur Papiere für Jobs, die nicht existieren oder schlecht bezahlt werden.

Paul Krugman ist Ökonomie-Professor in Princeton und Träger des Wirtschaftsnobelpreises.
Übersetzung: Christoph Albrecht-Heider
© New York Times

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