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06. September 2010

Kolumne: Das Juden-Gen

 Von 

Unseren neuen Kolumnisten stört der inquisitorische Gestus, mit dem linksliberale Kritiker über Thilo Sarrazin herfallen.

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Der Fall Sarrazin
Thilo Sarrazin (SPD) im Fernsehstudio in Hamburg nach der Sendung "Beckmann".

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Berlin verdankt Thilo Sarrazin viel. Als Finanzsenator hat er sieben Jahre lang alles darangesetzt, die stadttypische Kombination von Verschwendung und Ineffizienz zu brechen. Wenigstens vorübergehend beendete er die von CDU, SPD, PDS und Grünen gemeinsam betriebene Politik verantwortungsfauler Schuldenmacherei.

Ich fand noch keine Zeit, sein Buch zu lesen. Der kulturpessimistische, an Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“ gemahnende Titel gefällt mir nicht. Doch stört mich auch der inquisitorische Gestus, mit dem linksliberale Kritiker über den Autor herfallen. Ich lebe in diesen Kreisen und weiß, wie dort darüber gewacht wird, dass die eigenen Kinder oder Enkel die „richtigen“, sprich: migrantenarmen, bürgerlich gehobenen Kindergärten und Schulen besuchen.

Sarrazin hält türkisch- und arabischstämmigen Einwanderern vor, sie zeigten zu wenig Anpassungs-, Bildungs- und Aufstiegsstreben und lebten überdurchschnittlich oft von Sozialleistungen. Er führt das auf genetische und kulturelle, insbesondere religiöse Dispositionen zurück und illustrierte seine Auffassung mit der Bemerkung, auch Juden, Briten und Basken hätten ein je besonderes Gen. Das meinte Sarrazin nicht antisemitisch. Ausdrücklich wünscht er die Zuwanderung osteuropäischer Juden, denn diese seien „mit einem 15 Prozent höheren IQ als dem der deutschen Bevölkerung“ ausgestattet.

Was halten wir Germanodeutschen davon? Was lehrt die Geschichte? Im Jahr 1900 machten jüdische Schüler in Deutschland 7,5-mal so oft Abitur wie Schüler der christlichen Mehrheit, jüdische Mädchen besuchten 11,5-mal so häufig Höhere- Töchter-Schulen. Knapp 60 Prozent aller jüdischen Schüler erlangten einen höheren Abschluss als Volksschule, aber nur sieben Prozent der christlichen.

Bei einem Bevölkerungsanteil von einem Prozent stellten die Juden zehn Prozent aller Studenten, diese studierten schneller als ihre christlichen Kommilitonen, legten die besseren Examina ab und verdienten anschließend deutlich besser. In Frankfurt am Main zahlte ein jüdischer Erwerbstätiger im Durchschnitt viermal so viel Steuern wie ein protestantischer und achtmal so viel wie ein katholischer. Kurz: Um 1900 wiesen die christlichen Deutschen jene Bildungsrückstände auf, die Thilo Sarrazin heute bestimmten muslimischen Einwanderergruppen vorwirft.

Warum hatten die Juden die Nase vorn? Sie waren seit alters urbanisiert, und in den wachsenden Städten lag die Zukunft. Die meisten jüdischen Knaben lernten von jeher lesen und schreiben. Das gehörte zu ihrer religiösen Bildung, eine Religion, in der man diskutiert, streitet, liest, nachdenkt – nicht einfach wie im Christentum glaubt. Jüdische Religion ist geistige Gymnastik. Christenfamilien mussten damals, der Not gehorchend, aus bäuerlichen Verhältnissen in die Stadt ziehen. Kaum alphabetisiert, unkultiviert und entwurzelt benötigten sie drei bis vier Generationen elementarer Schulbildung, bis der Erste in akademische Höhen aufstieg.

Mehr als an Gene glaube ich an die Bedeutung sozialer und kultureller, also auch religiöser, Lebensumstände. Die christlichen Mehrheitsdeutschen haben seit 1900 kräftig aufgeholt. Die noch Bildungsfernen unter den muslimischen Zuwanderern können das auch – vermutlich schneller als einst die christlichen Deutschen.

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