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28. Juli 2013

Kolumne: Das kolumnistische Manifest

 Von Tom Schimmeck
Tom Schimmeck

Geistig klar und ganz nah dran: Der Kolumnist erhellt den Leser, wo er kann. Der Leser weiß sich beschützt und verstanden. Oder regt sich wahlweise fürchterlich auf.

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Ich weiß, liebste Leser: Sie dürsten nach geistiger Führung. In diesen wirren Zeiten, da Europa bröckelt und die syrische Opposition aufeinander schießt, da Chinas Wachstum stockt und sich weltweit Billionenschulden türmen, da tief in Ihnen Fragen bohren wie: Müssen Amazon, Apple & Co. jemals Steuern zahlen? Werden uns die Armen der Welt überrennen? Was wird bloß aus den Korallenriffen? Was ziehe ich heute an? Und: Will ich Merkel oder Steinbrück?

Wahrlich, auch Sie haben es nicht leicht. Sie brauchen Erhellung, plus Zerstreuung, Trost, Zuneigung. Liebe? Ein Lächeln soll schon Wunder wirken.

Welterklärer und Märchenonkel

Rettung naht. Hier kommt der Kolumnist. In solchen Zeiten schultert er freudig seine enorme Verantwortung. Denn er ist ganz nah dran am Leser, hält stete Zwiesprache mit ihm, knabbert quasi an seinem Ohrläppchen, spürt seine Sorgen, ahnt seine Sehnsüchte, spricht ihm aus Hirn und Herz. Auch in beide hinein. Wir Kolumnisten sind Welterklärer und Märchenonkel, Priester und Harlekin. So binden wir den lieben Leser ans Medium. Unverzichtbar in dieser Ära grassierender Bindungslosigkeit. Seelisch, selbst geistig sind ja viele ziemlich „single“.

Kein Wunder also, dass man derzeit allüberall auf die persönliche Ansprache des Kolumnisten setzt. Selbst das Dickschiff „Spiegel“, lange für seine kühle, hart an Verachtung grenzende Distanz zum Leser bekannt, bietet jetzt online und täglich Kolumnisten auf: Einer weiß was von Wirtschaft, der andere hat eine fesche Frisur. Einer rumpelt rechts, der andere denkt im Zweifel links – obschon er selten zweifelt. Freitags liefert ein Intellektueller ein bisschen Fallhöhe. Am Wochenende – der Spiegel tickt gendermäßg noch recht klassisch – dürfen Frauen ran: mit Sex, Babys, Kochen, Fernsehen, Kultur.

Und? Ist das falsch? Natürlich nicht. Es ist clever. Denn die Kolumne, diese Kunstform zwischen Tweet und Bildungsroman, ist die Arche in der Informationsflut. Der Kolumnist, im Lexikon zwischen Kolumbus und Koma angesiedelt, segelt seine Kundschaft sicher durch alle Erregungsstürme. Der Leser weiß sich beschützt und verstanden. Regt sich wahlweise fürchterlich auf. Egal, brummt der Anzeigenleiter: Hauptsache, der fühlt was und guckt hin.

Tusch. Vorhang.


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Welch unverzichtbare Stars, mutig an vorderster Medienfront, denken Sie nun. Werden von Redakteuren gewiss mit Liebkosungen überhäuft, schon des Morgens vom entzückten Verleger an den üppig gedeckten Frühstückstisch gerufen. Es gibt Saft, Eier, Obst. Dazu einen gepflegten Gedankenaustausch. Dann eine klitzekleine Lohnerhöhung?

Sie irren. Leider. Ökonomisch ähnelt unser Status in der deutschen Medienwelt eher jenem, den die Bulgaren in der deutschen Fleischindustrie einnehmen. Meist dienen wir als stets verfügbare Werkvertragsarbeiter. Ohne Sicherheiten. Wobei wir, stets der Wahrheit bester Freund, einräumen müssen: Das Salär ist besser. Auch werden wir nicht in heruntergekommene Sammelunterkünfte gepfercht. Schon weil wir uns dort womöglich anfreunden und verschwören könnten.

Nein, kein Schwein liebt uns Kolumnisten. Doch wir klagen nie. Tun voll Dank und Demut unsere schwere Schreiberpflicht. Für Sie. Tusch. Vorhang.

Habe ich Sie nun getröstet? Nein? Das tut mir leid. Nächstes Mal. Lächeln Sie bitte trotzdem – jetzt!

Tom Schimmeck ist Autor.

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