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05. September 2012

Kolumne: Das Wir-Wollen-Alles-Gefühl

 Von Matthias Horx
Nicht nur die Piratenpartei will alles.Foto: dpa

Meinen, was gerade gemeint wird. Wir sind immer dagegen, beziehungsweise dafür. Wir sind Piraten.

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Ein Jahr vor der Bundestagswahl haben die Piraten tatsächlich ein Wirtschaftsprogramm zusammengestellt. Es enthält ein klares Bekenntnis zu den „ursprünglichen Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft“. Freie, dezentral organisierte Märkte sind ganz im Sinne der Piraten. Gefordert wird auch ein „einfacheres und gerechteres Steuersystem“. Kommt uns das irgendwie bekannt vor?

Weiter im Text heißt es. „Die Entwicklungen der letzten Jahre, gerade an den Finanzmärkten, haben deutlich gezeigt, dass auch unsere freie Wirtschaft eher mehr Staat und damit mehr Demokratie als einen weiteren Abbau gesetzlicher Rahmenbedingungen benötigt“. Das Kapitel „Staatliche Regulierung“ ist ziemlich lang. Außer dem Internet soll alles geregelt werden. Obendrein soll es eine bedingungslose Grundrente, Verzeihung, ein Grundeinkommen geben.

In meiner rebellischen Jugend gab es eine Sponti-Zeitung mit dem poetischen Titel „Wir wollen alles!“ (wer hat eigentlich die Rechte? Dany? Joschka?) Ein solches Blatt müsste heute eine Auflage wie BILD, ADAC-Magazin und Apothekerzeitung zusammen erzielen. Nein, das hier ist keine Kritik an den Piraten. Auch die CDU will ja absolut alles: Gerecht sein wie die SPD, Grün wie die Energiewende, und wenn man Heiner Geißler zuhört, auch linker als die Linke. Im SPD-Programm wimmelt es von so viel Allem, dass man Angst bekommt, solche Poesie könnte von Politik besudelt werden. Auch FDP und GRÜNE wollen immerzu alles: Nachhaltigkeit. Solidarität, Wachstum. Freiheit. Sicherheit, Gerechtigkeit. Käsekuchen.

Schuld sind immer die Banken

Alles zu wollen, ist einfach menschlich. Menschen sind, wie schon Karl Popper feststellte, Optimierungswesen, die in jeder Sekunde nach Verbesserung ihrer Situation streben. Ich finde es eine Sauerei, dass die Strompreise steigen. Die Bürokraten in Brüssel mit ihrer Glühbirnen-Gängelung können mir gestohlen bleiben! Dass die Polkappen abschmelzen, muss sofort abgestellt werden! Lebensmittel sind wahnsinnig teuer geworden! Die armen Tiere in der Tierfabrik zu quälen, verdirbt mir den Appetit! Hab’s doch gewusst: Bio macht gar nicht gesund! Hartz IV ist menschenunwürdig, alle sollen für ordentlich Lohn arbeiten können! Dass Flugbegleiter für höheren Lohn streiken, sollte echt verboten werden! Der Flughafen soll pünktlich eröffnen und möglichst billig sein!

Das Wir-Wollen-Alles-Programm kommt auch jeden Tag im Fernsehen. Die Geschwindigkeit, mit der Alarme durchgenudelt und simpelste Empörungsmuster durchgehechelt werden, ist atemberaubend. Wenn ein schlecht gelaunter Hirnforscher behauptet, das Internet würde uns alle verdummen, bekommt er sofort eine öffentlich-rechtliche Sondershow. Auf dem nächsten Sofa sitzen dann Prominente, die ihr Geld aus Gier und Blödheit verzockt haben. Schuld sind aber immer die Banken. Oder „die Werte“. Oder der Staat, der sich nicht kümmert.

Wie eine Hammelherde rennt die öffentliche Meinung von einer Ecke in die andere. Wir nehmen uns heraus was geht. Meinen, was gerade gemeint wird. Wir sind immer dagegen, beziehungsweise dafür. Wir sind ganz wilde ängstliche Piraten.

Könnte es sein, dass es uns einfach nur furchtbar gut geht? Dass wir in Wahrheit gar nicht mehr wissen, was Krise ist? Aber das können wir niemals aushalten. Oder gar zugeben.

Matthias Horx ist Trend- und Zukunftsforscher.

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