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29. Juni 2014

KOLUMNE: Depressiv in den Dschihad

 Von 

Der „neue Mann“ ist noch im Bau. Der klassische Kerl erlebt derweil eine krude Renaissance.

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Gerade erst haben wir gelernt, dass uralte Männerbilder nur Konstrukte sind, die nicht mehr tragen: Der Mann als Macho, Macher, als heldenwütiger Hormoncocktail, der auszog, Herrscher oder Krieger zu werden – „Entscheider“ oder Kanonenfutter. Es schwingt noch mit, dieses Ideal vom ganzen Kerl, im Parteivorstand, im Aufsichtsrat, in der Muckibude. Doch wirkt es zunehmend überholt, gebrochen, wie eine Karikatur. Wir modernen Männer sind auf einem langen Weg, definieren uns neu. Werden sensibler und reflektierter. Der allmächtige Mann verkommt allmählich zum Anachronismus.

Enthauptungen inklusive

Umso verstörter reagieren wir auf frische Abenteuer-Videos von Halbwüchsigen im „heiligen Krieg“, in denen Nachwuchskräfte mit Vollbart und Patronengurt posieren, Waffen in den Himmel recken, den Dschihad und den Märtyrertod besingen. Burschen aus Cardiff und Luzern, aus Toulouse, Wien und Berlin, die ihr oft mittelständisches Biotop verlassen haben, um auf einem Pickup durch unwirtliche Gegenden zu brettern, irgendwo bei Mossul oder weit hinter Timbuktu. Mit ihren Anführern – gestählt in Bosnien, Afghanistan, Libyen, Syrien, in den Tälern des Kaukasus oder an der Küste Somalias.

Wir sind erschrocken. Sie scheinen überall zu sein. Was lockt sie? Der Kitzel? Die Macht über Leben und Tod – Enthauptungen inklusive? Lässt die archaische Eindeutigkeit des Glaubens diese kleinen Jungs zu großen Kanonen greifen, statt Autoschlosser oder Arzt zu werden? Ist es Gehirnwäsche? Sinnsuche? Im Morden, wo der Mann noch Mann sein kann?

„Allen meinen Brüdern, die im Westen leben, sage ich: Ich weiß, wie ihr fühlt. Tief im Herzen seid ihr deprimiert. Die Kur für Depression ist der Dschihad. Nehmt Teil am Dschihad, alle meine Brüder, und fühlt die Ehre, die wir fühlen; das Glück…“, ruft ein Kämpfer den Zurückgeblieben zu. Auf Facebook zeigen Jungkrieger Fotos vom „ersten Mal“, ihrem ersten Massaker. Das macht uns sehr zu Recht sehr nervös.

Auch hierzulande war es lange Brauch, „überzählige Söhne“ in Gemetzel für Gott und Vaterland zu jagen, in Kreuzzüge, Kolonialschlachten und zwei Weltkriege. Erst das vereinte Europa hat diese Tradition gebrochen. Und ist gerade dabei, diesen enormen Zivilisationsschritt durch die Vernachlässigung der Migranten und die Verelendung der Jugend in den kriselnden Südländern wieder zu verspielen.

„Jungmännerüberschuss“

Wissenschaftler grübeln seit langem darüber, wie zwangsläufig ein Heer starker, junger Männer mit schwachen Perspektiven zu Gewalt führt. In China etwa, wo die Ein-Kind-Politik, kombiniert mit althergebrachter Knaben-Verehrung, einen „Überschuss“ von gut 20 Millionen Männern hervorgebracht hat. Vom neuen Mann ist hier eher selten die Rede.

Ein „Jungmännerüberschuss“, behauptete 2003 der Bremer Völkermordforscher Gunnar Heinsohn, führe fast zwangsläufig zu Bürgerkrieg und Terror. Gerade schnell wachsende, islamisch geprägte Länder hätten „die größte Sohneswelle der Menschheitsgeschichte“ produziert.

Solche Gleichungen sind heikel und oft zu simpel. Sie entheben uns nicht der Verantwortung, zumindest all jenen, die hier leben, eine als sinnvoll empfundene Zukunft zu eröffnen. Damit sie ihre Identität in dieser Gesellschaft finden – und damit eine bessere Kur für ihre spätmaskulinen Depressionen.

Tom Schimmeck ist Autor.

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