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03. September 2014

Kolumne: Der Mensch im Monster

 Von 
Frankfurt am Main: Heimat von so manchem Mäuschen.  Foto: dpa

Ein Terrorist vor Gericht ist für das Publikum oft eine Enttäuschung. Er verbreitet selten Angst und Schrecken. So auch aktuell vor dem Frankfurter Oberlandesgericht.

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Es ist wieder mal Monstergucken bei der Frankfurter Justiz. Vom 15. September an muss sich Kreshnik B., ein Frankfurter Bub, vor dem Oberlandesgericht verantworten. Dem 20-Jährigen wird vorgeworfen, von Juli bis Dezember 2013 in Syrien in den Reihen der Terrororganisation IS gekämpft zu haben. Es ist eine Bande, die sich soweit von Zivilisation und Menschlichkeit entfernt hat, dass man ihre Mitglieder durch die Bank für Monster hält. Sie machen es einem leicht.

Die Wirklichkeit ist meist weit weniger aufregend. Vor Gericht schrumpfen die Monster meistens auf Mäuschengröße.

2006 verurteilte das Landgericht den „Kannibalen von Rotenburg“ wegen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe. Mit den IS-Kämpfern hatte er wenig gemein, bis auf die Leidenschaft für das Amputieren von Gliedmaßen. Viele Zuschauer waren damals weidlich entsetzt: Dort saß ein Spießer von beinahe schwäbischen Ausmaßen. Als Monster ein Totalausfall. Was dazu führte, dass die meisten Zuschauer, nachdem der Vorsitzende Richter Klaus Drescher die Zeugenaussage des Kannibalen mit den Worten „Wir machen jetzt noch weiter bis zur Penis-Amputation – und dann machen wir Mittag“ unterbrochen hatte, mehr Angst vor dem Richter als vor dem zu Richtenden hatten.

Unterhosen-Terroristen

Die meisten Glaubenskrieger, die bisher vor der Frankfurter Justiz landeten, verbreiteten nur bis nach der Verlesung der Anklageschrift Angst und Schrecken. Mit Ausnahme des „Flughafen-Attentäters“ Arid Uka und der „Sauerland-Gruppe“, die 2009 ein Gastspiel vor dem Frankfurter Oberlandesgericht gab, handelte es sich meist um sogenannte Unterhosen-Terroristen. Das sind junge Leute aus westlichen Ländern, die sich im Internet selbst radikalisieren und dann von den echten Verbrechern in Terror-Camps untergebracht werden. Als Krieger sind die oft kaum zu gebrauchen: zu dick, zu faul, zu wenig mordlüstern. Willkommen sind ihre EC- und Kreditkarten, mit denen die Terroristen gern Nachtsichtgeräte oder Thermo-Unterwäsche kaufen. Manche flüchten aus eigenem Antrieb, andere werden nach Hause geschickt, wenn ihr Konto leergeräumt ist.

Manchmal tritt in den Terrorcamps sogar ein Reifeprozess ein. Er habe eigentlich nur mit dem Dschihad angefangen, weil er so zappelig geworden sei, als er mit dem Kiffen aufgehört habe, erzählte einer. Dabei stieß er beim Richter Thomas Sagebiel freilich auf Granit, weil der aus eigener Erfahrung davon berichten konnte, dass man auch ein Jura-Studium beginnen könne, um sich von der Kifferei zu kurieren. Doch für seine Flucht aus dem Camp hatte er gleich drei vernünftige Gründe. Zum einen mache es gar keinen Spaß, Menschen zu erschießen, nicht mal dann, wenn die was Falsches glaubten. Zum anderen sei es verflucht anstrengend und schweißtreibend. Und zuletzt habe es sich beim kommandierenden Emir um einen Vollidioten und Menschenschinder gehandelt.

Kreshnik B. wird am 15. September ziemlich allein sein. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass dort wieder einmal ein Mensch sitzen wird, den man mit den Taten, die man aus den Nachrichten kennt, schwerlich unter einen Hut bringen kann.

Und mit Sicherheit wird eines nicht da sitzen: ein Monster. Das macht nichts besser. Es schadet aber auch nicht, wenn man mal wieder daran erinnert wird. Man könnte es sonst glatt vergessen.

Stefan Behr ist Gerichtsreporter der FR.

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