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Kolumne: Der Revanchismus ist nicht tot

Staatsgrenzen können strittig sein. Doch die Debatte darüber fördert üblen Nationalismus, wie das Beispiel Ungarn zeigt. Von Karl Grobe

Dr. Karl Grobe ist Autor der Frankfurter Rundschau.
Dr. Karl Grobe ist Autor der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR

Die Geschichte kann so ungerecht sein, wie Sieger sie zu schreiben pflegen. Das ist keine überraschende Nachricht. Sie hat sich allerdings nicht überall herumgesprochen - oder sie ist vergessen, gar dementiert worden durch die Illusion, mit allen Mitteln die Verhältnisse umkehren zu können. Letzteres - vor allem wenn es auf die Rückgewinnung alter Grenzen abzielt - ist Revanchismus. Eine gesellschaftliche Erinnerung, die historische Umstände und kollektives Fehlverhalten ausblendet und die eigene Gruppe lediglich in der Opferrolle sieht, steigert das zu ideologischer Verblendung, aus der Gewalt gegen andere entstehen kann. Wir in Deutschland wissen das und dürfen es nie vergessen.

Verklärung der eigenen Geschichte und daraus abgeleitete vermeintliche Ansprüche ("Wiederherstellung der Gerechtigkeit") sind leider noch verbreitet. Das macht sich an Daten und Personen fest. Zum Beispiel am 4. Juni 1920, dem Tag, an dem Ungarn der Vertrag von Trianon aufgedrückt wurde. Fast drei Viertel des Territoriums, das seit 1867 das Königreich Ungarn darstellte, wurde Nachfolgestaaten zugeschlagen. Ein Drittel aller Ungarn lebte nun jenseits der neuen Staatsgrenzen. Diesen Tag macht die noch brandneue Regierung in Budapest jetzt zum Tag der nationalen Einheit. Per Gesetz. Wenn´s nur das wäre. Die Rechten, Ultrarechten und oppositionellen Rechtsextremen putschen so nationalistische Gefühle hoch; von den "eigentlichen" Grenzen im "Karpatenbogen" haben freilich auch linke und liberale Dissidenten gesprochen. Das zielte auf Siebenbürgen, und die Ceausescu-Diktatur machte es leicht, Unterdrückung anzuprangern. Vergessen war, dass die Ungarn Siebenbürgens dort Minderheit waren, aber seit 1867 eine nationalistische Kultur- und Sprachpolitik betrieben, weswegen rumänische und deutsche Einwohner 1918 geschlossen für Rumänien votierten.

Nach faschistischen Diktatoren und Ceausescu ist Rumänien (mithin auch Siebenbürgen) Demokratie geworden, und die Ungarn-Partei UDMR ist deren fester, loyaler Bestandteil, wenngleich eine rumänische rechtsradikale Partei ihr das schwer zu machen sucht.

Der "Karpatenbogen" als Grenze Ungarns ist jedenfalls Träumerei, jedoch eine, die die Beziehungen zwischen zwei EU-Mitgliedern vergiften kann. Doch auch das hetzt auf: Wenn die slowakische Regierung dem ungarischen Staatschef die Einreise zu einer Denkmalsenthüllung verweigert, wie voriges Jahr geschehen, ist das nicht nur eine üble Provokation gegen Budapest, sondern gegen die einheimische ungarische Minorität. Mit ihrer historischen Last muss jede Nation selber fertig werden. Aber die Berufung auf Ungarns faschistische Feuerkreuzler, Rumäniens faschistische Eiserne Garde oder - ein Land weiter - auf die gegen Polen und Juden zeitweilig mit den Nazis kollaborierende ukrainische Aufstandsarmee weckt schwarzbraune Gespenster. Und da und dort nimmt das Gewicht des rechtsradikalen Randes unerträglich zu.

Braune Täter sind Teil der Geschichte aller. Sie zu rehabilitieren, zu Helden zu stilisieren ist das Geschäft von Demagogen, auch solchen in hohen Staatsämtern, denen es um Macht und handfeste Interessen geht, denen die Zukunft der Völker, die sie aufhetzen, aber herzlich egal ist. Den Anfängen müssen die Europäer wehren, jene dort und wir hier bei uns, wenn Europa bestehen soll.

Karl Grobe ist freier Autor.

Datum:  31 | 5 | 2010
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