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Kolumne: Die Generation der Versager

Die erste Generation gründet ein Unternehmen, die zweite baut es aus, und die dritte verprasst das Vermögen. Nicht auszuschließen, dass unsere Kinder uns die Versagergeneration nennen werden. Von Eckart D. Stratenschulte

Professor Eckart D. Stratenschulte leitet die Europäische Akademie in Berlin.
Professor Eckart D. Stratenschulte leitet die Europäische Akademie in Berlin.
Foto: FR

Spinnen wir eigentlich? Wir sehen, wie die Gesellschaft zerfällt, und schauen nicht nur tatenlos zu, sondern unterhalten uns prächtig dabei.

In den vergangenen Tagen gab es keine Talkshow, in der nicht Hartz IV-Empfänger aufgetreten sind und ihr Schicksal dargestellt haben. Trotz der großen Medienpräsenz lässt das Thema die Öffentlichkeit erstaunlich kalt. Die Parteien vollziehen ihre Klausursitzungen, aber die Debatten drehen sich um innerparteiliches Hickhack und um die taktische Frage, wie man den anderen ein paar Stimmprozente abjagen kann.

Derweil erodiert die Gesellschaft. Die Mittelschicht zerfällt, ihr Anteil wird stetig kleiner, wie eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung nachgewiesen hat. Die Wohlstandsschere geht immer weiter auseinander, schon seit rot-grünen Regierungszeiten übrigens.

Nachzulesen ist das auch im Armutsbericht der Bundesregierung. Jedes sechste Kind in Deutschland ist arm oder armutsgefährdet, das sind über 17 Prozent aller Kinder und Jugendlichen. So steht es im Bericht über Kinderarmut in Deutschland, den Unicef, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, herausgegeben hat. Fast acht Prozent eines Schülerjahrgangs verlassen die Schule, ohne irgendeinen Abschluss erworben zu haben. Ihre (fehlende) Zukunft im Wirtschaftsleben ist klar vorgezeichnet. Auch ansonsten nimmt das deutsche Bildungssystem einen hinteren Platz im internationalen Vergleich ein. Hierauf weist die OECD, eine Organisation von dreißig Industriestaaten, jährlich hin. Sie zeigt auch: Wer von "unten" kommt, hat in Deutschlands Unis wenig Chancen.

Es geschieht nichts

Die demografische Entwicklung ist bekannt. Hedonisten brauchen keine Kinder: Immer weniger junge Menschen sollen immer mehr Ältere, die zudem länger leben, versorgen und gleichzeitig für ihr eigenes Alter Rücklagen bilden. Um die junge Generation für diese Aufgabe zu wappnen, müsste die Gesellschaft ihr jedes Jahr einen Haushaltsüberschuss hinterlassen, und zwar mindestens in der Höhe der Minderausgaben für nicht vorhandenen Nachwuchs. Ein Kind, das nie geboren wurde, braucht ja schließlich keinen Platz im Kindergarten oder in der Schule. Aber statt Rücklagen zu bilden, haut die jetzt aktive Generation in die Sahne und hinterlässt ihren Kindern zu den sonstigen Problemen einen riesigen Schuldenberg.

Die Fakten liegen alle auf dem Tisch, die Quellen sind seriös. Dennoch geschieht nichts. Da werden fünf Milliarden Euro für die Abwrackprämie verpulvert und ein bisschen die Hotelketten mit einer Steuererleichterung verwöhnt, da wird hier und da ein wenig an einem Schräubchen gedreht, aber den Ernst der Lage will keiner sehen. Einen gesellschaftlichen Entwurf für das 21. Jahrhundert gibt es nicht. Die Musik spielt auf der Titanic, und die Gesellschaft tanzt. Der Eisberg ist noch einige Kilometer entfernt. Die Hoffnung aber, dass er bis zum Aufprall geschmolzen sein wird, trügt. Da hilft nicht mal der Klimawandel, den wir ja auch nicht richtig ernst nehmen.

Bei Familienunternehmen heißt es oft: Die erste Generation gründet ein Unternehmen, die zweite baut es auf und aus, und die dritte verprasst das Vermögen. Es ist nicht auszuschließen, dass unsere Kinder uns die Versagergeneration nennen werden, wenn sie die Scherben zusammenkehren, die wir ihnen hinterlassen.

Professor Eckart D. Stratenschulte leitet die Europäische Akademie in Berlin.

Autor:  Eckart D. Stratenschulte
Datum:  18 | 1 | 2010
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