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Meinung
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04. April 2012

Kolumne: Die neue Spießerpartei

 Von Matthias Horx
Matthias Horx ist Trend- und Zukunftsforscher.

Womöglich gehört die Zukunft nicht den Piraten, sondern den Trollen, die jede Debatte entern, bis nichts mehr geht.

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Aus meiner Jugend, den wilden 70er- Jahren, ist mir ein Gefühl euphorischer Selbstgerechtigkeit in Erinnerung geblieben. Wir hatten als jugendlichen Rebellen eine einfache Methode, uns prima zu fühlen. Wir waren einfach immer dagegen. Und für nichts verantwortlich. Für alle Übel der Welt, einschließlich unserer Orgasmusprobleme, waren immer ferne, böse Institutionen zuständig. Bullen, Schweinestaat, Kapitalisten, Manager, die zu viel verdienten. Ein Mega-Bestseller der damaligen Zeit hieß „Angst im Kapitalismus“.

Das hohe Lied der Unzuständigkeit

Liegt es am Alter, dass ich bisweilen das Gefühl habe, alles wiederhole sich auf verquere Weise? Heute scheinen plötzlich ALLE gegen „das System“ zu sein. Jeder fühlt sich unentwegt beleidigt, empört, unterdrückt, abgezockt, betrogen, gedemütigt, erniedrigt, über den Tisch gezogen.

Jeden Abend wird bei Maischberger, Jauch, Will und Illner das hohe Lied der eigenen Unzuständigkeit gesungen. Burnout, Schweinegrippe, Niedriglöhne, Europa, Benzinpreise – alles eine einzige finstere Verschwörung. Dass Benzinpreise möglicherweise mit unserem eigenen Verhalten, mit realen Knappheiten, mit der Wirklichkeit eines endlichen Planeten zu tun haben könnte? Kein Gedanke. Wie sagte Niki Lauda bei Jauch so schön revolutionär? „Wenn das mit dieser Preistreiberei so weiter geht, dann bricht das ganze System zusammen!“

Verliebt in die Jungs mit der Augenklappe

Weil alle immer empörter und verdrossener werden, wählen sie Protestparteien. Das waren zunächst die Grünen, aber die erwiesen sich irgendwie als zu anspruchsvoll. Besser funktionierte das mit der FDP, das waren noch echte Kerle, Fallschirmspringer und so, entschlossen marschieren gegen Steuern und Staat. Jetzt sind plötzlich alle ganz verliebt in unsere tapferen Jungs mit der Augenklappe. 40 Prozent der Bundesbürger können sich vorstellen, Piraten zu wählen. Zwölf wollen es. Piraten wissen zwar nicht wohin sie wollen, drücken das aber sehr charmant aus. Forderungen haben sie inzwischen auch:
a) Kostenloses Grundeinkommen für alle
b) Kostenloser Internet-Zugang
c) Kostenloser Personennahverkehr
d) Keine störenden Urheberrechte
Das ist jetzt aber unfair! Haben die Piraten nicht auch ein idealistisches Anliegen, nämlich die Bürgerpartizipation? Sie wollen „liquid democracy“. Aber wollen wir, die Bürger, das auch? Ich meine: wirklich?

Manchmal beschleicht mich das mulmige Gefühl, dass das Internet nicht das gloriose Vernetzungsmittel zum Segen des Wissens der Menschheit ist, sondern ein Verstärkermedium für Unreife und Unmündigkeit. Die Zukunft gehört womöglich nicht den Piraten, sondern den Trollen. Das sind diejenigen, die jede Debatte entern, bis nichts mehr geht. Die Shitstorm-Brigade. Die Nörgel-Armee. Singleplayer mailt: Wow, was für ein dummer Artikel. Is doch voll blödes Fascho-Gedröhne, ehh. Und SUPERGAST postet: Wer sind überhaupt diese Maischzwerger und Jauchs? Weg mit dem ganzen Gelaber! Ahoi! Ahoi!


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Mit fröhlichem Grauen erinnere ich mich an meine Wohngemeinschaft in den 70er-Jahren, als auch jeder mitbestimmen, aber niemand den Abwasch machen wollte. Wandel ohne Emanzipation – eine klügeren Erkenntnisse aus meiner wilden Jugend – funktioniert nicht. Und Gnade uns, wenn das Keifen gegen „die da oben“ einmal die falsche, die dunkle, nicht ganz so charmante-juvenile Richtung einschlägt.

Matthias Horx ist Trend- und Zukunftsforscher.

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