Im Sommer regnen Schweißtropfen von den Unterarmen stehender Fahrgäste auf die Sitzenden herab, im Winter müffelt's nach Schmutz und klammen Klamotten. Immer mal wieder nach Döner, Alkohol, Erbochenem. Pläne, die Berliner S-Bahn im Sinne größeren Fahrgastkomforts zu beduften, harren der Umsetzung. Nein, nein, gestorben sei die Idee keineswegs, sie sei bloß nicht prioritär, meint der Pressesprecher. Vielleicht fehlt's ja schlichtweg am geeigneten Konzept. Schnell nämlich kann Duft in Gestank ausarten. Der eigens für die Pariser Metro kreierte Putzmittelzusatz "Madelaine" stank erst penetrant und verflog dann schnell. Ein Experiment, eher geeignet, Fahrgäste zu vertreiben als zu halten.
Eine individuelle Lösung könnten eigens von der S-Bahn einzustellende Raumsprayer sein (kostensparend auf Minijob-Basis), die nichts anderes zu tun hätten, als mit Sprühdosen Duft zu verbreiten. Das schaffte Arbeitsplätze und sorgte für Stimmung unter den Fahrgästen. Graffiti-Sprayern, die bislang Berliner Häuserwände verunzieren, täte sich ein neues, überdies völlig legales Betätigungsfeld auf. Diese einfache, gleichwohl kreative Aufgabe bedürfte keinerlei Vorkenntnis, ließe sich nach kurzer Einweisung sofort aufnehmen und könnte auch in Teilzeit ausgeübt werden. Je nach Talent des Raumsprayers wäre ein gezieltes Vorgehen vorstellbar. Erschöpfte Berufstätige fühlten sich von einem Hauch Zitrus belebt, gestresste Touristen von Lavendel beruhigt, Liebespaare mit zarter Rose umhüllt oder von intensivem Moschus angeregt. In der Adventszeit böten sich Tannenduft oder Honigkerzenaroma an.
Raumsprayer mit Feingefühl für heikle Situationen könnten Randalierer mit einer speziellen K.o.-Mischung außer Gefecht sprühen. Gestank setzt, wie man weiß, den Fluchtreflex frei. Einer besonders zu kennzeichnenden Dose (etwa mit Totenkopf, um ärgerliche Verwechslungen zu vermeiden) sollte ein widerlicher Gestank beispielsweise von alten Socken, Verwesung oder Exkrementen in einer so konzentrierten Form entströmen, dass dem Angesprühten keine andere Wahl bliebe als die sofortige Flucht. Der Raumsprayer müsste freilich die örtlichen Gegebenheiten im Auge behalten und die K.o.-Mischung erst unmittelbar vor Einfahren des Zuges in einen Bahnhof verwenden, um dem Fluchtsuchenden freie Bahn zu ermöglichen. Sonst käme dieser noch auf die Idee, per Nothalt für einen kontraproduktiven Zwischenstopp auf den Gleisen zu sorgen. Um den Schaden zu begrenzen, müsste der Raumsprayer möglichst schnell ein neutralisierendes Gegenmittel versprühen, damit nicht auch alle anderen Fahrgäste das Weite suchen, was nicht im Sinne des Erfinders wäre.
Die notorisch von Geldnöten geplagte Stadt Berlin schlüge mit der Einführung von S-Bahn-Raumsprayern mehrere Fliegen mit einer Klappe: Neben der Arbeitsplatzkomponente und dem Zugewinn an Sicherheit hätte Berlin eine Attraktion mehr für Bürger und Touristen, die an Unterhaltsamem in der S-Bahn vorläufig nur musikalische Darbietungen unterschiedlicher Güte über sich ergehen lassen müssen. Oder sollte es am Ende besser sein, einem Vorschlag des Berliner Fahrgastverbandes folgend, einfach nur mehr Züge einzusetzen, um Geruchsbelästigung durch drangvolle Enge zu vermeiden?
Charima Reinhardt, freie Autorin, war stellvertretende Sprecherin der rot-grünen Bundesregierung.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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