Am vergangenen Sonntagmorgen, etwa fünf Uhr. Ich muss „etwa“ schreiben, weil ich die Uhr nicht mehr so gut lesen konnte. Am vergangenen Sonntagmorgen jedenfalls wäre es mir sehr unangenehm gewesen, wenn der Verfassungsschutz mich so sieht. Ich trug noch beide Teile des Abendanzugs. Alles andere war mitgenommen. Hätte ich längere Haare, wären sie zerzaust gewesen. Vom Tanz und der mutwillig herbeigeführten Rotweinvergiftung. Allerdings bin ich sehr sicher, nichts gegen die freiheitlich demokratische Grundordnung gerufen, skandiert, oder sonst wie artikuliert zu haben. Zumal ich dieses Grundordnungs-Wortungetüm wohl kaum mehr über die Lippen gebracht hätte. Ein viel zu betrunkener Verfassungsfreund eben.
Leider kann der Verfassungsschutz sonst alles von mir wissen.
Es wäre doch eine Freude, wenn ich etwas dermaßen Problematisches betreiben würde, dass der Verfassungsschutz auf mich aufmerksam wird. So wie die Politiker der Linkspartei vor Entzücken kaum zu bremsen sind, weil sie der Verfassungsschutz aus der Bedeutungslosigkeit in die Mitte der Bühne gestellt und auch noch in der Opferrolle besetzt hat. Wäre natürlich toll, wenn ich dem Taxifahrer zuraunen könnte: „Fahren Sie schneller, wir werden verfolgt!“ Wenn die Verfassungsschützer bei der Beschattung ähnlich raffiniert vorgehen wie gegen die Nazi-Terroristen, wüsste der Taxifahrer aber schon Bescheid, ehe ich überhaupt einsteige.
Leider fällt mir keine Verfassungsfeindschaft ein, der ich mich anschließen könnte. Rechtsradikalismus ist ekelerregend, Kommunismus geschmacklos. Als in Holland Maxima den Kronprinzen Willem Alexander heiratete, wäre ich bereit gewesen, ihr Deutschland als absolutistische Monarchie unter ihrer Regentschaft anzubieten. Meinetwegen ohne Verfassung, Hauptsache sie sagt vor dem Altar laut „Nein“. Mittlerweile soll sie sich aber das Rauchen abgewöhnt haben und auch sonst unzugänglicher geworden sein.
Mangels Millionen verberge ich keine Steuermillionen in einem Steuerschurkenstaat. Zumal Steuerhinterziehung doch wohl nur strafbar, aber eben nicht verfassungsfeindlich ist. Oder eine grundgesetzwidrige Verschwörungstheorie? Außerirdische, die aussehen wie Prinzessin Lilifee, aber drei Meter groß sind, wollen uns überfallen und auslöschen. Wir müssen die Verfassung aufheben, alles dem Kampf gegen die Lilifee-Monster verschreiben und unseren tapferen Bundespräsidenten als ersten Ritter vorweg schicken.
Das klingt nach Wahnfantasie, wäre also ein Fall für den Psychiater. Aber der Verfassungsschutz braucht was zu tun. Denn wer möchte denn diesen Leuten nach ihrem zwölfjährigen (!) Totalversagen noch den Kampf gegen den Rechtsextremismus anvertrauen? Mag sein, dass es gefährliche Linksextremisten gibt. Aber die hat der Verfassungsschutz auch nicht gefunden, stattdessen Interviews mit Gregor Gysi ausgewertet. Der ist bestimmt oft ärgerlich, aber zum Glück gibt es gegen Nervensägen keinen Grundgesetzartikel.
Wenn also die klassischen Betätigungsfelder wegfallen, müssen die Verfassungsschützer in den düsteren Keller der deutschen Geschichte steigen und tun, was frühere Inlandsgeheimdienste wie der SD und die Stasi taten: Dem Verfassungsschutz bleibt nur der Rückzug ins Private.
Jörg Thadeusz ist Fernsehmoderator.
Seit Februar 2010 laufen Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof. Diskussion, Hintergründe, Fotostrecken und mehr im FR-Spezial.
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