kalaydo.de Anzeigen

Kolumne: Durchleuchtet

Lieber Herr Thadeusz, sollten Staatsschützer etwas über Sie wissen? Unser Autor meint, unser Verfassungsschutz braucht dringend etwas zu tun.

Jörg Thadeusz
Jörg Thadeusz

Am vergangenen Sonntagmorgen, etwa fünf Uhr. Ich muss „etwa“ schreiben, weil ich die Uhr nicht mehr so gut lesen konnte. Am vergangenen Sonntagmorgen jedenfalls wäre es mir sehr unangenehm gewesen, wenn der Verfassungsschutz mich so sieht. Ich trug noch beide Teile des Abendanzugs. Alles andere war mitgenommen. Hätte ich längere Haare, wären sie zerzaust gewesen. Vom Tanz und der mutwillig herbeigeführten Rotweinvergiftung. Allerdings bin ich sehr sicher, nichts gegen die freiheitlich demokratische Grundordnung gerufen, skandiert, oder sonst wie artikuliert zu haben. Zumal ich dieses Grundordnungs-Wortungetüm wohl kaum mehr über die Lippen gebracht hätte. Ein viel zu betrunkener Verfassungsfreund eben.

Leider kann der Verfassungsschutz sonst alles von mir wissen.

Es wäre doch eine Freude, wenn ich etwas dermaßen Problematisches betreiben würde, dass der Verfassungsschutz auf mich aufmerksam wird. So wie die Politiker der Linkspartei vor Entzücken kaum zu bremsen sind, weil sie der Verfassungsschutz aus der Bedeutungslosigkeit in die Mitte der Bühne gestellt und auch noch in der Opferrolle besetzt hat. Wäre natürlich toll, wenn ich dem Taxifahrer zuraunen könnte: „Fahren Sie schneller, wir werden verfolgt!“ Wenn die Verfassungsschützer bei der Beschattung ähnlich raffiniert vorgehen wie gegen die Nazi-Terroristen, wüsste der Taxifahrer aber schon Bescheid, ehe ich überhaupt einsteige.

Leider fällt mir keine Verfassungsfeindschaft ein, der ich mich anschließen könnte. Rechtsradikalismus ist ekelerregend, Kommunismus geschmacklos. Als in Holland Maxima den Kronprinzen Willem Alexander heiratete, wäre ich bereit gewesen, ihr Deutschland als absolutistische Monarchie unter ihrer Regentschaft anzubieten. Meinetwegen ohne Verfassung, Hauptsache sie sagt vor dem Altar laut „Nein“. Mittlerweile soll sie sich aber das Rauchen abgewöhnt haben und auch sonst unzugänglicher geworden sein.

Mangels Millionen verberge ich keine Steuermillionen in einem Steuerschurkenstaat. Zumal Steuerhinterziehung doch wohl nur strafbar, aber eben nicht verfassungsfeindlich ist. Oder eine grundgesetzwidrige Verschwörungstheorie? Außerirdische, die aussehen wie Prinzessin Lilifee, aber drei Meter groß sind, wollen uns überfallen und auslöschen. Wir müssen die Verfassung aufheben, alles dem Kampf gegen die Lilifee-Monster verschreiben und unseren tapferen Bundespräsidenten als ersten Ritter vorweg schicken.

Das klingt nach Wahnfantasie, wäre also ein Fall für den Psychiater. Aber der Verfassungsschutz braucht was zu tun. Denn wer möchte denn diesen Leuten nach ihrem zwölfjährigen (!) Totalversagen noch den Kampf gegen den Rechtsextremismus anvertrauen? Mag sein, dass es gefährliche Linksextremisten gibt. Aber die hat der Verfassungsschutz auch nicht gefunden, stattdessen Interviews mit Gregor Gysi ausgewertet. Der ist bestimmt oft ärgerlich, aber zum Glück gibt es gegen Nervensägen keinen Grundgesetzartikel.

Wenn also die klassischen Betätigungsfelder wegfallen, müssen die Verfassungsschützer in den düsteren Keller der deutschen Geschichte steigen und tun, was frühere Inlandsgeheimdienste wie der SD und die Stasi taten: Dem Verfassungsschutz bleibt nur der Rückzug ins Private.

Jörg Thadeusz ist Fernsehmoderator.

Datum:  27 | 1 | 2012
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Neuste Bildergalerien Politik
Georg Schramm möchte nicht Bundespräsident werden. Schade! Denn erstens...
Hebels nölende Wochenschau
Das Foyer der Frankfurter Rundschau ist am Dienstagabend prall gefüllt. Selbst vor der Tür drängen sich noch Menschen,...
OB-Kandidaten bei der FR-Diskussion
Bierkrüge mit dem CSU-Logo bei der Veranstaltung der CSU in Passau. Foto: Stephan Jansen
Schlagabtausch am Aschermittwoch
Jemeniten stehen in einer Warteschlange vor einem Wahllokal in der Hauptstadt Sanaa. Foto: Yahya Arhab
Tote bei Präsidentenwahl im Jemen
Proteste gegen Koran-Schändung
Griechenlands Finanzminister Venizelos unterhält sich mit EZB-Chef Mario Draghi beim entscheidenden Euro-Finanzminister-Treffen. Foto: Oliver Hoslet
Beispiellose Hilfsaktion gegen Athens Staatspleite
Sonderthema
Protest in Libyen.

Tunesien, Ägypten, Libyen, Algerien, Jemen - das Volk wagt den Aufstand gegen die Autokraten. Einige sind gefallen, andere bekämpfen die Revolutionäre bis aufs Blut.

Spezial
Die Gegner von S 21 freuen sich über den Etappensieg.

Seit Februar 2010 laufen Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof. Diskussion, Hintergründe, Fotostrecken und mehr im FR-Spezial.

Anzeige

In eigener Sache

FR-Online.de möchte Lesern unter vielen Texten zielführende Diskussionen ermöglichen. Die Redaktion prüft Beiträge in verschiedenen Verfahren.

Video
Fotostrecke
Plaßmanns Welt (247 Bilder)
Spezial

Bespitzelung von Beschäftigten, Datenklau, Elena, Swift - Was passiert mit unseren Daten?

Anzeige

 
Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

Fotostrecke
Plaßmanns Klima (19 Bilder)
Quiz
Der zurückgetretene Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg holt seine Entlassungspapiere im Schloss Bellevue ab (03.03.2011).

Guttenberg hatte einen guten Grund. Aber weshalb sind Horst Köhler oder Richard Nixon abgetreten?

Revolte

Protest und Party, Revolte - aber keine Revolution: 1968 hat die Gesellschaft nachhaltig verändert.