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Kolumne: Egoistische Elite

Unsere Gesellschaft hat offensichtlich ein Ethik-Problem. Dekadentes Verhalten lässt sich tatsächlich in unserer Gesellschaft beobachten. Und zwar bei Führungskräften. Von Eckart D. Stratenschulte

Professor Eckart D. Stratenschulte leitet die Europäische Akademie in Berlin.
Professor Eckart D. Stratenschulte leitet die Europäische Akademie in Berlin.
Foto: FR

Deutschland im Winter 2010: Eine Regierungspartei auf Bundesebene erweckt den Eindruck, man könne sich gegen eine Millionenspende eine Steuererleichterung kaufen; eine Regierungspartei in einem Bundesland bietet gegen Geld Gespräche mit dem Ministerpräsidenten an; von den Bildungseinrichtungen der katholischen Kirche werden jahrelang bekannte, aber verschwiegene sexuelle Missbrauchshandlungen bekannt, auf die der Vorsitzende der Bischofskonferenz mit einer lustlos vorgelesenen Erklärung reagiert; auf U-Bahn-Baustellen in Köln und wohl auch in Düsseldorf werden massenweise Stahlträger nicht eingebaut, sondern verschoben und entsprechende Sicherheitsprotokolle gefälscht; die S-Bahn Berlin vernachlässigt in voller Absicht die Wartung der Züge und gefährdet so das Leben der Passagiere, und damit es bis zu den ersten Entgleisungen keiner merkt, werden auch hier Wartungsprotokolle manipuliert; die Ankündigung, staatlicherseits Daten über Steuerhinterzieher zu erwerben, führt zu bislang mehr als 3500 Selbstanzeigen von Steuerbetrügern, die dadurch straffrei ausgehen.

Alle diese Vorkommnisse sind Einzelfälle und haben nichts miteinander zu tun. Aber wie viele Ereignisse sind eigentlich Einzelfälle, bevor man erkennen muss, dass es sich um ein System oder auch einen Systemfehler handelt? Gibt es jenseits der konkreten Handlungen einen Zusammenhang?

All diese Entwicklungen haben Führungskräfte der Gesellschaft zu verantworten sind. Nicht marodierende Hartz-IV-Empfänger ziehen nachts zu den Baustellen und entwenden die Stahlträger, das wäre angesichts der Größe und der Menge der "verschwundenen" Armierungen auch gar nicht möglich. Auch die Berliner S-Bahn wurde nicht von volltrunkenen Sozialhilfeempfängern mit leeren Bierdosen lahmgelegt und die Verschweigetaktik der katholischen Kirche war ebenfalls von oben angeordnet. Kein arbeitsunwilliger Schulabbrecher kann Mehrwertsteuersenkungen oder Ministerpräsidenten-Termine im Internet verkaufen, auch hier sitzen die Verantwortlichen in den Spitzenstellungen der Gesellschaft.

Ist das vielleicht die "spätrömische Dekadenz" von der der Althistoriker Dr. Westerwelle neulich gesprochen hat? Gibt es hier - auch bei den Steuerbetrügern im oberen Spektrum der Gesellschaft - die Vorstellung vom "anstrengungslosen Wohlstand", der zulasten anderer erzielt und genossen werden soll?

Tatsache ist, dass unsere Gesellschaft offensichtlich ein Ethik-Problem hat, dessen Ursache nicht im unteren Drittel der Gesellschaft angesiedelt ist, sondern im oberen Fünftel. Dass ein Arbeiter auf einer Baustelle etwas mit nach Hause nimmt, wenn er sieht, wie die Firma systematisch den Auftraggeber ausplündert und dabei auch Sicherheitsfragen hintanstellt, ist nicht schön, aber verständlich. Der FDP-Vorsitzende sprach angesichts der Regierungsbildung 2009 von der geistig-politischen Wende, die es zu vollziehen gelte. In diesem Punkt hat er recht: Deutschland braucht eine Ethik-Debatte, die aber an den wirklichen Vergehen gegen die Gesellschaft ansetzen muss. Solange die Führungselite der Gesellschaft meint, sie könnte egoistisch sein, wie sie wolle, darf sie sich nicht wundern, wenn der Rest in Apathie verfällt. Damit aber ist allen geschadet.

Professor Eckart D. Stratenschulte leitet die Europäische Akademie in Berlin.

Autor:  Eckart D. Stratenschulte
Datum:  2 | 3 | 2010
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