Die vergangenen Wochen haben selbst Hartgesottene überfordert. Die Ereignisse überschlagen sich: die Nachwehen der Finanzkrise, Inflationssorgen, politische Unruhen in Nordafrika und dem Nahen Osten, die Naturkatastrophen und nun auch noch das nukleare Desaster in Japan. Die Antworten auf die Herausforderungen werden kaum noch wahrgenommen. Das Führungspersonal ist knapp. Und wird immer knapper. Und die Unsicherheit wächst.
Wir geben Geld aus, das wir nicht haben. Die Zentralbanken kaufen mit billigem Geld auch nicht so werthaltige Wertpapiere – entsprechend mehren sich die Zweifel an ihrer Orientierung an der Preisstabilität. Inflationsbefürchtungen machen die Runde. Die steigenden Energie-, vor allem aber die Agrarpreise sind Teil der Erklärung für diese Sorge. Autofahren und Essen wird so zum Luxus.
Die steigenden Lebensmittelpreise sind auch ein Faktor hinter den politischen Unruhen in Nordafrika und in der Golfregion. Mit den politischen Umwälzungen in diesem Teil der Welt, der uns Europäern so nahe liegt, wie die Flüchtlingsströme zeigen, sind Veränderungen im Gange, die die Tiefe und das Ausmaß der Revolution in Mittel- und Osteuropa vor 20 Jahren haben.
In Nordafrika und dem Nahen Osten freilich besteht keine echte Hoffnung auf eine ähnlich friedliche und erfolgreiche Umgestaltung wie beim Ende der Sowjetunion. Für einen solch guten Ausgang fehlen mehrere Voraussetzungen, die es damals gab. Anders als in Mittel- und Osteuropa sind viele Menschen im südöstlichen Mittelmeerraum nicht gut ausgebildet. Zumeist fehlen Strukturen, die die wegbrechenden feudalen und militärischen Systeme ersetzen könnten. Es existieren lediglich einige islamistische Strukturen. Schließlich – anders als in Mittel- und Osteuropa – fehlt für das südöstliche Mittelmeer der „Große Bruder“. Die Europäer konnten der EU beitreten, hatten ein Muster, eine Perspektive. Dies fehlt hier gänzlich. Diese ungünstigen Voraussetzungen für ein Gelingen der Revolution sind besonders schlimm für die lokale Bevölkerung.
Das Chaos in dieser Region kann aber wegen der strategischen Bedeutung dieser Länder für Rohstoffe und (chemische) Grundstoffe die ganze Welt dramatisch betreffen. In den vergangenen Dekaden wurden Raffinerien und Fabriken für chemische Grundstoffe nur noch in China und am Golf gebaut. Die USA, Japan und Europa sind deshalb bei solchen Produkten (Energie und energieintensive Produkte) sehr abhängig von dieser Region. Das macht die Reaktion auf machtbesessene Führer durch die westliche Welt so schwierig. Wer dem Anspruch auf die Verteidigung der Menschenrechte jetzt entsprechen will, muss bereit sein, möglicherweise sehr schmerzhafte wirtschaftliche Schäden (durch einen noch höheren Ölpreis, durch Lieferengpässe bei chemischen Grundstoffen) in Kauf zu nehmen.
Und als ob dies zusammen mit den Altlasten der Finanzmarktkrise und der Überschuldung europäischer Staaten uns als Retter nicht ohnedies schon überfordert hätte, kommt nun eine Naturkatastrophe samt nuklearem Desaster auf unsere japanischen Freunde und die gesamte Menschheit zu. Wie werden wir damit fertig werden? Kann unter solchen Eindrücken jemand nach den Bußwochen Auferstehung feiern?
Professor Norbert Walter ist Publizist und war Chef-Volkswirt der Deutschen Bank.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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