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18. Oktober 2010

Kolumne: Frei von Religion

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Wir leben nicht in einem christlichen Staat. Also: keine Kreuze in Schulen, keine speziellen Theologien an den Unis.

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Nach vielen Jahren der Vorbereitung wurde die Universität Frankfurt am Main im Oktober 1914 eröffnet. Gestiftet hatten sie wohlhabende, überwiegend jüdische Mäzene, denen viel an unabhängiger Forschung und Lehre lag. Eben deshalb mischten sie sich in eine Frage ein: Eine theologische Fakultät durfte es nach ihrem Willen nicht geben. Unter (rechts-)geschichtlichen und philosophischen Gesichtspunkten sollten Wissenschaftler auch Religionen erforschen, aber Glaubensbekenntnisse und Theologenausbildung sollten von einer neuzeitlichen, im besten Sinn des Wortes bürgerlichen Universität ferngehalten werden.

Von diesem liberalen Prinzip hat sich die Bundesrepublik weit entfernt. Politiker und Kommentatoren feierten es als Großtat, dass neben katholischen und protestantischen Geistlichen nun auch Imame an Universitäten ausgebildet werden. Das dokumentiert, wie verklebt und unklar in Deutschland gedacht wird.

Staat und Religion gehören rigoros getrennt. Das würde nach französischem Muster heißen: keine Kreuze in Gerichtssälen und Schulen; Religionswissenschaften, aber keine speziellen Theologien an Universitäten. Weil Religion Privatsache ist, haben staatliche Institutionen keine Geistlichen auszubilden. Jeder mag seinen Eid mit dem Hinweis auf seinen Gott – gegebenenfalls seine Götter! – bekräftigen. Wie wenig solches Denken in Deutschland verbreitet ist, zeigte sich vor einigen Monaten, als die niedersächsische Sozialministerin Aygül Özkan bei ihrer Vereidigung die Formel „So wahr mir Gott helfe“ gebrauchte. „Um Gottes willen! Welchen Gott meinte sie denn? Allah?! Den meint unser Gesetz nicht“, so tönte es aus den Reihen unserer Staatschristen. Sie meinte Allah! Warum denn nicht?

Wir leben nicht in einem christlichen Staat. Religiöse Normen helfen keinen Schritt weiter. Verbindlich sind allein die Allgemeinen Menschenrechte, das Grundgesetz mit den darin festgelegten demokratischen und juridischen Verfahrensregeln: Der Ehebrecher ist demnach kein Straftäter, wohl aber der Steuerhinterzieher; wer onaniert, mag das einem interessierten Priester im Beichtstuhl mitteilen, der allgemeinen Gerichtsbarkeit unterliegt er nicht; wer Schweinefleisch verzehrt, gehört nicht zum Abschaum. Deutschstämmige, die Türken als Kanaken beschimpfen, machen sich rassistischer Volksverhetzung schuldig. Die Gesetze sollten dahingehend ergänzt werden, dass für einen muslimischen Deutschen, der ein Minirockmädchen als Christenschlampe schmäht, dasselbe gilt, ebenso wenn sich türkische Jugendliche in wüster Weise über Romakinder hermachen und die Schwächsten unter den Schwachen als Zigeuner verprügeln. Hier liegen die Aufgaben des Staats, nicht im salbungsvollen Gerede über „unsere christlich-jüdischen und islamischen Wurzeln“.

Genauso wenig hilfreich ist die grüne Multikulti-Ideologie. Sie folgt dem deutschen Sprach- und Kulturnationalismus des 19. Jahrhunderts, der sein verhängnisvolles Heil in geschichtlichen, religiösen und kulturellen Besonderheiten suchte. Seine nationalromantischen Vorkämpfer – Jahn, Arndt oder Kotzebue – bekämpften immer auch den angeblich kalten Rechtsstaat französischer Prägung. Entschließen wir uns endlich zu einem säkularen Staat mit klaren Regeln und viel individueller (damit auch religiöser) Freiheit!

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