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10. März 2013

Kolumne: Ganz gerecht ins Wahljahr

 Von 
Ein älterer Mann sammelt Pfandflaschen. Altersarmut ist in Deutschland keine Seltenheit.  Foto: dpa

Wer die Richtigen fragt, lernt: Frauenquote, Mindestlohn und Solidargemeinschaft sind Quatsch.

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Wer die Richtigen fragt, lernt: Frauenquote, Mindestlohn und Solidargemeinschaft sind Quatsch.

Was einer derzeit so für gerecht hält, kann man gut daran ablesen, welches Substantiv er vor Gerechtigkeit einparkt. Ein schönes Beispiel liefert das aktuelle Video der nimmermüden Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM): Da steht ein Professor Doktor, dezent ausgeleuchtet, sanft musikuntermalt, in einer sehr leeren Halle. Während er zu sprechen anhebt, klappen von rechts seine Gerechtigkeitsbegriffe ins Bild: „Bedarfsgerechtigkeit, Einkommensgerechtigkeit, Leistungsgerechtigkeit, Chancengerechtigkeit, Generationengerechtigkeit, Regelgerechtigkeit“. Er zählt sie artig alle auf und dabei an seinen Fingern ab. Sehr anschaulich. Mehr Gerechtigkeit war nie.

Die Botschaft tut offenbar not, verbreitet sich im Volk doch zügig der Eindruck, dass sich eine kleine Fettschicht zunehmend frech bedient. Während der große Rest in die Röhre guckt. Dieses Unbehagen wird durch viele Studien gestützt. Die OECD etwa weist seit Jahren darauf hin, dass in Deutschland die Einkommensarmut wächst, Frauen deutlich benachteiligt werden, der Zugang zur Bildung extrem ungleich ist und trotz des Jobwunders eine große Gerechtigkeitslücke klafft.

Ungerechte Besitzverteilung

Nun sind die Entrahmungskünste der deutschen Oberschicht kein neues Phänomen. Gesteigert wird der grassierende Unmut durch die Beobachtung, dass Topgehälter und Boni weitersprudeln, selbst Nullleistungen mit Millionenabfindungen vergütet werden. Obwohl die Superreichen und ihre Finanzjongleure ihr Spekulationsschnellboot vor kurzem, wir erinnern uns, aufs Riff gesetzt hatten. Weshalb Staaten nun ständig Banken und den Euro retten. Mit unseren Steuergeld. Ihr Risiko wurde vergesellschaftet. Ihr Gewinn nicht.

Kein Wunder also, dass sich Umfragen häufen, in denen Bürger ein vernichtendes Urteil über die Gerechtigkeitslage der Republik abgeben. Neulich etwa ermittelten die keineswegs linksverdächtigen Allensbach-Demoskopen: Knapp zwei Drittel der Deutschen sehen einen Gerechtigkeitsschwund. 69 Prozent sagen, Besitz und Verdienst seien ungerecht verteilt.

Auftraggeber war übrigens die INSM. Bei der nun Großalarm herrscht. Versucht diese PR-Kreation der Metall-Unternehmer, gefüttert mit Millionenetats, uns doch seit zwölfeinhalb Jahren beizubringen, dass der Markt allen total gut tut, befreites Kapital segensreich wirkt auch für Mieter, Kleinstsparer und Geringverdiener. Dass Frauenquote, Mindestlohn und Solidargemeinschaft Quatsch sind. Und der Staat möglichst wenig regeln und – pssst – am allerbesten ganz tief schlafen sollte.

Agenda 2010


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Plötzlich aber ruft das Volk: Gerechtigkeit! Da heißt es: Gegensteuern. Die Regierung frisiert ihre Berichte und meldet eine Zunahme der Gerechtigkeit. Und der Professor Doktor vom IW, vom Institut der deutschen Wirtschaft, rührt und schüttelt all seine Gerechtigkeiten so lange, bis die INSM mitteilen kann: „Deutschland wird gerechter“.

Der IW-Direktor, zugleich auch Botschafter der INSM, entstaubt derweil Wolfgang Clement, der dem INSM-Kuratorium vorsitzt, und schiebt ihn zum 10. Geburtstag der Hartz-Gesetze (juchheirassa) vor jede aufnahmebereite Kamera. Wo der sein gerechtes Wirken lobt. Während das IW verlautbart: „Durch die Agenda 2010 ist Deutschland gerechter geworden.“

Und unser gerechter Zorn weicht dem Gelächter.

Tom Schimmeck ist freier Autor.

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