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Kolumne: Gebete für das Kapital

In der Finanzkrise suchte Hank Paulson, ehemaliger US-Finanzminister, Hilfe bei Gott. Paulson ist Mitglied einer Sekte.Von Klaus Kocks

Professor Klaus Kocks ist Meinungsforscher
Professor Klaus Kocks ist Meinungsforscher
Foto: FR

Jüngst ließ Gott eine sogenannte Blase platzen. Die Schlaumeier von Immobilienfinanzierer mit so süßen Namen wie Fannie Mae und Freddie Mac hatten massenhaft Kredite an Leute vergeben, von denen man wissen konnte, dass sie das Geld zur Bedienung ihrer Verbindlichkeiten nicht würden aufbringen können. Die faulen Kredite wurden, als sie zu stinken begannen, gebündelt und in Geschenkpapier gepackt und als Renditewunder gehandelt. Das wiederum war die große Stunde der staatlichen Banker von München bis Reykjavik. Die Bilanzen glichen Kartenhäusern, die zum Hochhaus anwuchsen und, wie sollte es anders sein, einstürzten wie beim Turmbau zu Babel. Der Konkurs einer Investmentbank der Lehman-Brüder war der Auslöser. Der amtierende amerikanische Finanzminister, der immerhin ein Notprogramm über 700 Milliarden Dollar sein eigen nennen konnte, ließ Lehman den Bach runtergehen.

Das alles kennen wir, Zyklen des Turbokapitalismus. Ich bin gelernter Marxist, der Kapitalismus kann mich mit rein gar nichts überraschen. Jetzt aber treffe ich in meinem Londoner Club eine Intima des Henry Merritt Paulson Jr., genannt Hank. Hank Paulson stand im Auge des Hurrikans, der die Kartenhäuser zerstörte; er war der US-Finanzminister. Die Konfidentin erzählt mir eine Geschichte, die mich nicht mehr loslässt. Paulson war zwar Chef der Investmentbank Goldman Sachs, bevor er Finanzminister von George W. Bush wurde, kommt aber aus der Politik. Er hat eine Vorgeschichte im sogenannten Watergate-Skandal der Nixon-Ära als Assistent des legendären John Ehrlichman (die berühmte "German gang" im Weißen Haus).

Paulson ist also mit wirklich allen Wassern gewaschen, in Politik und Wirtschaft. Aus kargen Jahresgehältern von 15 oder 30 Millionen Dollar hat er einen zwanzig Mal so hohen Besitz geschaffen, angenommenes Privatvermögen: 700 Millionen Dollar. Er ist im Zentrum der Macht der Weltmacht angekommen. Von Paulson ist die Antwort überliefert, die er Präsident Bush gab, als der ihn bat, sich möglichst schnell um die Immobilienbanken Fannie und Freddie zu kümmern: "Herr Präsident, wir werden die überraschen. Das erste Geräusch, das die hören werden, ist das Aufschlagen ihrer eigenen Köpfe auf dem Boden." So stellt man sich die Wall Street vor.

Meine Gesprächspartnerin malt nun die Kehrseite dieser Medaille aus. Paulson ist Mitglied der First Church of Christ, Scientist, jener Sekte christlicher Wissenschaft, die zum Beispiel jede Medikation verpönt. Paulson verbreitet auch folgende Story: Wann immer er in der Finanzkrise Rat suchte, versenkte er sich in Gebete. Als er völlig überarbeitet war und die Ärzte ihm ein Schlafmittel gaben, schüttete er es in die Toilette und betete stattdessen. Wie lautet das Gebet des christlichen Wissenschaftlers? Meine Gesprächspartnerin weiß es zu zitieren: "Es ist kein Leben, keine Wahrheit, keine Intelligenz und keine Substanz in der Materie. Alles ist unendliches Gemüt und nur seine unendliche Manifestation, denn Gott ist Alles-in-Allem. Geist ist unsterbliche Wahrheit; Materie ist sterblicher Irrtum. Folglich ist der Mensch nicht materiell; er ist geistig."

Diese Worte auf den Lippen haben die Amerikaner uns durch die internationale Finanzkrise geführt. Ich bin fassungslos. Vor diesem Abgrund hat mich nicht mal Karl Marx gewarnt.

Professor Klaus Kocks ist Meinungsforscher.

Autor:  Klaus Kocks
Datum:  17 | 3 | 2010
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