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05. Dezember 2010

Kolumne: Gefangene des Euro

 Von Paul Krugman
Paul Krugman ist Ökonomie-Professor in Princeton und Träger des Wirtschaftsnobelpreises.

Griechenland, Irland, Portugal - das sind nur Tapas. Spanien ist das Hauptgericht, mit dem die Währung steht und fällt.

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Irland allein kann die Erfolgsaussichten Europas kaum verschlechtern. Das Gleiche gilt für Griechenland und Portugal, die allgemein als die nächsten Dominosteine gelten. Aber da ist ja noch Spanien. Spanien ist das Hauptgericht. Dagegen sind die anderen nur Tapas.

Aus amerikanischer Sicht fällt auf, wie sehr die volkswirtschaftliche Lage Spaniens der unseren ähnelt: eine Immobilien-Blase, verbunden mit einer stark steigenden Verschuldung der Privathaushalte. Wie in den USA begann in Spanien die Rezession, als die Blase platzte und die Arbeitslosigkeit stieg. Das Staatsdefizit ist wegen sinkender Einnahmen und rezessionsbedingter Kosten explodiert. Doch die US-Regierung hat kein Problem, ihr Defizit zu finanzieren, da die Zinsen für langfristige Anleihen unter drei Prozent liegen. Für Spanien dagegen sind die Kreditkosten seit einigen Wochen in die Höhe geschossen.

Warum Spanien so große Probleme hat? Es liegt am Euro. In den guten Jahren schien Spanien ein Beispiel für eine fiskalisch und ökonomisch gute Politik zu sein. Anders als Griechenland produzierte es einen Haushaltsüberschuss, und anders als Irland versuchte es, wenngleich nur teilweise erfolgreich, die Banken zu regulieren. Aber unter der Oberfläche wuchsen die Probleme. Während des Booms stiegen Preise und Löhne stärker als im Rest Europas. Das führte zu einem großen Handelsdefizit. Und als die Blase platzte, konnte die spanische Wirtschaft nicht mehr mit den anderen Länder konkurrieren.

Und nun? Wenn Spanien – wie die USA oder Großbritannien – noch seine eigene Währung hätte, könnte es sie abwerten und damit die Industrie wettbewerbsfähig machen. Aber mit dem Euro geht das nicht. Spanien muss Löhne und Preise senken, bis sie auf dem Niveau ihrer Nachbarn sind. Das aber ist ein grausamer Prozess. Er dauert Jahre. Und fallende Löhne bedeuten sinkende Einkommen bei gleichbleibenden Schulden.

Sollte Spanien also den Euro aufgeben? Will es das? Die Antwort heißt beide Male nein. Bevor es nicht eine katastrophale Bankenkrise gibt – was im Fall Griechenlands plausibel erscheint und zunehmend auch für Irland – wird keine spanische Regierung das Risiko einer „De-Eurorisierung“ eingehen.

Spanien ist ein Gefangener des Euro. In so einer Falle steckt Amerika nicht. Großbritannien auch nicht, dessen Defizit- und Schuldenlage mit der Spaniens vergleichbar ist. Das Problem Amerikas ist, dass eine starke politische Fraktion versucht, die Zentralbank zu fesseln und damit einen der großen Vorteile, die wir im Vergleich zu den Spaniern haben, preiszugeben. Die Republikaner fordern, dass die Zentralbank nichts mehr zur ökonomischen Erholung beiträgt, sondern sich darauf konzentriert, den Dollar stark zu halten und die Inflationsrisiken zu bekämpfen, die nur in ihrer Einbildung existieren. Wenn es nach den Republikanern ginge, würden wir uns freiwillig ins spanische Gefängnis begeben.

Hoffentlich hört die Zentralbank nicht auf die Republikaner. Die Dinge stehen schlecht bei uns, doch sie könnten viel schlechter sein. Wenn sich freilich die Fraktion durchsetzt, die nur eine harte Währung im Kopf hat, dann wird sich die Lage verschlechtern.

Paul Krugman ist Ökonomie-Professor in Princeton und Träger des Wirtschaftsnobelpreises.

Übersetzung: Christoph Albrecht-Heider

© New York Times

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