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16. Dezember 2012

Kolumne: Geflügelte Bruchlandung

 Von Tom Schimmeck
Bevor wir Kommentatoren uns zum Schluss aus der Affäre ziehen, konstatieren wir windelweich, dass sich die Geister scheiden.  Foto: FRFOTO

Ja, wir Kommentatoren sind das Salz in der Suppe, das A und O, wir hören das Gras wachsen, nehmen alles unter die Lupe und das Heft in die Hand. Basteln wir uns also mal einen Kommentar. Bis das Phrasenschwein explodiert.

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Hören Sie auch so gern die morgendliche Presseschau im Radio? Da platzen die Plattitüden oft wie Popcorn. Und ich denke: Wie fein ist es, Kommentator zu sein.

Um Ihnen, hochverehrte Leser, die Wirklichkeit so hautnah wie möglich zu bringen, wühlen wir gern im rostigen Werkzeugkasten der deutschen Sprache. Tief unten in jenem Fach, wo die allzeit gültigen, nicht totzukriegenden Redewendungen lagern. Wo der Zahn der Zeit nagt und sich das Personenkarussell so munter dreht, wo alles auf Messers Schneide steht, während die Karten neu gemischt werden und die Wellen der Empörung hochschlagen.

Ja, wir Kommentatoren sind das Salz in der Suppe, das A und O, wir hören das Gras wachsen, nehmen alles unter die Lupe und das Heft in die Hand, legen Daumenschrauben an, dann die Karten auf den Tisch und lassen auch noch die Katze aus dem Sack. Wir machen uns ans Werk, bis die Phrasenpolizei kommt und die SoKo Metapher uns einen Gemeinplatzverweis erteilt. Denn wir kennen unsere Pappenheimer, die Leser, denen wir die Augen öffnen und reinen Wein einschenken, auf dass sie den Tatsachen ins Auge sehen, bevor sie die Flinte ins Korn werfen. Das ist nur eine Frage der Zeit.

Den Politikern schenken wir Glauben, bereiten ihnen den Boden, fassen sie mit Samthandschuhen an, reden ihnen nach dem Mund und hängen ihnen den Mantel der Geschichte um. Oder den des Schweigens. Dann bekennen wir klipp und klar, in Bausch und Bogen, mit Stumpf und Stiel, auf Gedeih und Verderb Farbe, reden ihnen auf Augenhöhe ins Gewissen und halten ihnen den Spiegel vor. Bevor wir ihnen, bis an die Zähne bewaffnet, in die Parade fahren, die kalte Schulter zeigen, die Schuld in die Schuhe schieben, Steine in den Weg legen, die Pistole auf die Brust setzen und schließlich ein Ende bereiten. Sie segnen das Zeitliche. Wir weinen ihnen keine Träne nach. Dann streuen wir uns Asche auf unsere weiße Weste.

Sie wissen jetzt, wie’s geht? Basteln wir uns einen Kommentar. Bis das Phrasenschwein explodiert. Gewiss, aller Anfang ist schwer. Aber einmal ist keinmal und wer wagt, gewinnt. Steigen wir dramatisch-drakonisch ein. Das ist das Gebot der Stunde. Mit einem „Der Zug ist abgefahren“. Oder dem beliebten „verraten und verkauft“. Dann müsste ein Name kommen, vielleicht gar eine kleine Information. Bevor der Urteilshammer fällt: Mit heißer Nadel genäht, auf tönernen Füßen, von A bis Z auf Sand gebaut.

Nun kommen wir in Fahrt, stellen die Gretchenfrage, gießen Wasser auf die Mühlen, rasseln mit dem Säbel, setzen Messer an Kehlen und werfen alles in einen Topf. Man muss das Eisen schmieden, solange es heiß ist. Und was zu viel ist, ist zu viel! Plötzlich aber beißen wir die Zähne zusammen, zeigen, wie Phönix aus der Asche, ein gerüttelt Maß Nachdenklichkeit, drücken ein Auge zu, und öffnen eine Hintertür und drehen die Fahne nach dem Wind. Wir gehen auf Nummer sicher, holen die Kuh vom Eis, weil uns das Hemd näher ist als der Rock. Bevor wir in der Tinte sitzen und uns aus der Affäre ziehen, konstatieren wir nun windelweich, dass sich die Geister scheiden (sehr schön!). Dann stehlen wir uns mit einem „Bleibt zu hoffen ...“ oder einem „Bleibt abzuwarten ...“ aus der Affäre. Fertig.

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