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Kolumne: Hartzen als Lebensgefühl

Die Jugend hängt ab, geht zum "Rudelgucken" und zeigt der Politik durch Sprache, wo es langgehen müsste.

Charima Reinhardt, freie Autorin, war Vizesprecherin der rot-grünen Bundesregierung.
Charima Reinhardt, freie Autorin, war Vizesprecherin der rot-grünen Bundesregierung.
Foto: FR

Was macht eigentlich Peter Hartz? Wahrscheinlich geht es ihm gut. Besser jedenfalls als jenen, für die der Name des ehemaligen VW-Vorstands eng verwoben ist mit ihrem dürftigen Lebensunterhalt. Hartz IV, das ist vielen Menschen pure Notwendigkeit und uns allen zum Angst besetzten Sinnbild für ein Schicksal ohne Arbeit geworden.

Wie sehr Hartz IV sich breitgemacht hat im Bewusstsein, zeigt die Sprache der Jugend. "Hartzen", zum Jugendwort 2009 gekürt, steht für rumhängen, abhängen. Gut möglich, dass viele junge Leute gar nicht wissen, wer Pate gestanden hat fürs Wort. Aber was Hartz IV ist, wissen sie wahrscheinlich genau. Mittlerweile dürfte es in den meisten Familien der ausdünnenden Mittelschicht Erfahrungen mit Arbeitslosigkeit geben und in vielen eben auch mit Hartz IV.

Die Angst, arbeitslos zu werden, keinen Ausbildungsplatz zu finden, hat die Jugend längst erfasst. Schon lange vor dem erhofften Schulabschluss geht für die Schüler die Suche nach einer Lehrstelle los. Oft müssen sie sich eingehenden Befragungen und Eignungstests unterziehen, als ginge es um eine Laufbahn im höheren diplomatischen Dienst. Lehrlinge müssen bereit sein, weite Wege zurückzulegen; sich auf einen Berufswunsch festzulegen geht meist gar nicht, ist zumindest riskanter als früher. Jung sein ist hart in diesen Zeiten. Selbst jene mit guter Ausbildung können sich nicht sicher sein, einen Job zu ergattern, der sie ein Arbeitsleben lang ernährt. Von Anfang bis Ende in einem Betrieb - eine solche berufliche Vita wird Seltenheitswert haben für einen Schulabgänger von heute, wenn er mit 67 Jahren oder älter in Rente geht. In eine Rente zumal, die keineswegs den erarbeiteten Lebensstandard sichert, sondern bloß reicht, um nicht der Verarmung anheimzufallen. Die nötige zusätzliche Vorsorge fürs Alter aber setzt ebenso wie eine halbwegs vernünftige Rente entsprechendes Einkommen voraus und zwar kontinuierlich. Ein lückenloses Erwerbsleben wird freilich eher die Ausnahme sein.

Es wächst eine Generation heran, in der für die Joblosen hartzen bestimmendes Lebensgefühl ist, während sich die anderen in unbezahlten Praktika abrackern, eine Generation, für die Altersarmut noch die geringere Sorge ist, weil schlichtweg weit weg. In dieser Zeit macht die Bundesregierung Geldgeschenke vorzugsweise an die Falschen, anstatt in jene zu investieren, die sie in Sonntagsreden "unsere Zukunft" nennt: die Jugend. Nicht Peanuts, sondern richtig Geld muss her für Kindertagesstätten und Ganztagsschulen, in denen Begabte und weniger Begabte, Behinderte und Nichtbehinderte gemeinsam lernen können, für Hochschulen und Universitäten. Schluss muss sein mit dem Verzicht auf Politik durch den Verweis auf Zuständigkeiten, aber auch mit Runden Tischen, die den Aufwand nicht lohnen, nur zur Selbstbeweihräucherung der Teilnehmer taugen.

Im Jugendsprech: Schluss mit "Pisaopfern" (frei übersetzt: ohne Bildung, ohne Chance), die kaum mehr kennen als hartzen oder "Rudelgucken" (Public Viewing). Keine "Rentnerbravo" (Apothekenumschau) lesende "Gammelfleischparty" (Zusammenkunft von Leuten über 30) als Bundesregierung, die sich in aussichtslosen Kriegen verheddert und ansonsten um sich selber kreist, sondern eine, die anpackt und tut, wofür sie gewählt ist: regieren.

Charima Reinhardt, freie Autorin, war Vizesprecherin der rot-grünen Bundesregierung.

Autor:  Charima Reinhardt
Datum:  14 | 12 | 2009
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