Der Herr D. hasste die zuplakatierten Wände der Stadt. Aber manchmal amüsierten sie ihn auch. Kürzlich las er: "Für alle, die von Bread & Butter nicht satt werden: Curry 36!" Der Seitenhieb auf jene, die etwas gegen die Berliner Modemesse mit ihren schlanken Models hatten und stattdessen Berlins berühmtester Currybude die Ehre erwiesen, war zwar noch keine Kreuzberger Straßenpoesie, doch um einiges deutlicher als die sanften Werbesprüche der Biokosmetikläden, Biorestaurants, Bioboutiquen und Bionadestände.
Der Herr D. jedenfalls verspürte augenblicklich Lust auf eine Currywurst. Er ging in die Markthalle zu Moni mit ihren Spiegeleiern, Bratkartoffeln, Buletten, Würsten und all den anderen "Berliner Spezialitäten". Gerade wollte er in die Wurst beißen, da fiel sein Blick auf ein Manuskript, das auf einem Barhocker lag: "Demokratische Tradition und revolutionärer Geist. Erinnern an 1848 in Berlin".
Er blätterte und sah, dass es sich um eine Sammlung von Texten zur Märzrevolution handelte. Autoren referierten über die historischen Ereignisse, ihre grundlegende Bedeutung für die Demokratie in Deutschland und die "Aktion 18. März", die sich seit 1978 um das Gedenken an die "Märzgefallenen" bemühte und den Tag der Revolution gern zum Nationalfeiertag gemacht hätte.
Die Wurst war längst gegessen, da las der Herr D. noch immer. Er lächelte über Volker Schröder, die treibende Kraft der Aktion, einen Kämpfer, dem sich, wie eine Zeitung schrieb, "Deutschland eines Tages wird beugen müssen".
Ein anderes Blatt vermutete, dass dem passionierten Marathonläufer die Puste nicht eher ausgehen würde, bevor er sein Ziel erreicht hätte, und empfahl den Gegnern, lieber gleich die Waffen zu strecken. Mit einer Mischung aus Bewunderung und Belustigung las er von den Aktionen eines Mannes, der inzwischen Mitstreiter aus allen politischen Lagern für sich gewonnen hatte, von den ganz Linken bis hin zur CDU.
Da spürte der Herr D. eine Hand auf seiner Schulter: "Ich möchte Sie ja nicht in Ihrer spannenden Lektüre unterbrechen, und es ehrt natürlich den Autor dieses Manuskriptes. Aber das muss jetzt schleunigst in die Druckerei." Der Herr D. kannte den Mann. Im Sommer saß er auf dem Wochenendmarkt am Chamissoplatz und verkaufte Spülbürsten, Schuhbürsten und Kleiderbürsten. Auch im Fitnessraum von Berlins ältestem Turnverein, gegründet 1848, hatte er den Mann einmal gesehen. Und im Supermarkt an der Kasse. Als die Verkäuferin "Macht Achtzehnachtundvierzig" sagte, lächelte er und erwiderte: "Wenn das kein Schicksal ist."
Wo immer die magische Zahl auftauchte, tauchte er auf. Aber nie wäre der Herr D. auf die Idee gekommen, dass es dieser nette Mann gewesen war, der nach 22 Jahren hartnäckigen Kampfes gegen die Behörden dem Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor seinen neuen Namen gegeben hatte: Platz des 18. März.
"Darf ich Sie zu unserer Gedenkveranstaltung vor dem Brandenburger Tor einladen?", fragte der unermüdliche Agitator und zog ein Faltblatt aus der Tasche. "Ich möchte, dass sich am 18. März einmal so viele Menschen vor dem Brandenburger Tor versammeln wie zu Silvester." Der Herr D. nickte. "Und wenn Sie weiterlesen möchten: Das Buch gibt´s ab nächster Woche im Laden." - "Kostet?", fragte der Herr D. "Na, Achtzehnachtunvierzig natürlich!"
Hans W. Korfmann ist freier Autor.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl
Seit Februar 2010 laufen Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof. Diskussion, Hintergründe, Fotostrecken und mehr im FR-Spezial.
FR-Online.de möchte Lesern unter vielen Texten zielführende Diskussionen ermöglichen. Die Redaktion prüft Beiträge in verschiedenen Verfahren.