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30. Juni 2013

Kolumne: Hut ab!

 Von Tom Schimmeck
Hier hat sich einer entschieden: Edward Snowden.  Foto: REUTERS

Der junge Held Snowden stellt sich gegen die Totalüberwachung. Deshalb jagt ihn der gefallene Held Obama.

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Held? Ist ein ziemlich fettes Etikett. Was ist Heldentum? Ansichtssache. Flüchtig wie ein Furz. Die Epen klingen schnell schal. Das Ordensblech rostet. Nur ein früher Tod, zeitnah zur Tat, bietet bedingte Sicherheit. Im Heldengrab.

In den USA, einer Nation mit hohem Heldendurchsatz, ist der Held jetzt kontrovers wie nie. Ihre Öffentlichkeit, gründlich hysterisiert, kennt längst keinen Konsens mehr. Nur Aufwallung, Rachegeschrei, Pathos – als Bühnenshow vor einer zynischen Realpolitik, die sich jene Interessenten kaufen, die sich das locker leisten können. Postdemokratie pur. Die USA wirken wie ein Riese am Rand des Nervenzusammenbruchs. Schade eigentlich.

Yes, we scan

2008, im achten Schreckensjahr des George W. Bush, war die Sehnsucht nach dem Superhero gerade groß genug, einen Obama aus den Wolken steigen zu lassen. Der zügig lernen musste, welch enge Grenzen diese schwer bewaffnete Dollardemokratie selbst dem Charismatiker steckt. Was bleibt? Ein Drohnenkrieger mit langen Todeslisten. Und noch mehr Überwachungsstaat. Yes, we scan.

Der gefallene Held jagt nun jene Nachwuchshelden, die das Ausmaß der Verrohung in diesem endlosen, sich selbst nährenden Krieg gegen den Terror öffentlich machten. Zwei junge, sehr ernsthafte, blasse, bebrillte Landsleute: Erstens den Obergefreiten Bradley Manning, 25, in Haft seit 2010, nachdem er Wikileaks eine Unzahl geheimer Depeschen und Videos überspielt hatte. Über Morde an Zivilisten, Folter und andere Kriegsverbrechen, nebst pikanten Details über weltweit gepäppelte Kleptokraten. Manning wollte die „wahre Natur des asymmetrischen Krieges“ zeigen. Jetzt steht er vor einem Militärgericht in Fort Meade, Maryland. Ein schmächtiges Kerlchen in Uniform, eskortiert von kräftigen Bewachern.

Zweitens den Ex-Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowdon, 29, der just das US-Programm „Prism“ enthüllte, die Totalüberwachung aller elektronischen Kommunikation, Skype, Twitter, Facebook inklusive. Und das britische Programm „Tempora“ – das Generalanzapfen von Hauptleitungen im weltweiten Netz.

Solches Treiben, findet Snowden, sei „eine existenzielle Bedrohung der Demokratie“.

„Verräter“, „Feigling“, „Spion“

Ich war beeindruckt von diesem Video, mit dem Snowdon sich zeigte und erklärte. Das machte klar: Hier hat sich einer entschieden. Gegen die Obrigkeit und ihre kafkaesken Umtriebe. „Er hat die richtige Wahl getroffen“, sagt Daniel Ellsberg, der 1971 die „Pentagon Papers“ kopierte und ans Licht brachte: 7000 Seiten – die Wahrheit über den Vietnamkrieg. „Verräter“, „Feigling“, „Spion“ schnauben da die Cheneys dieser Welt. Während Obama, grad in Afrika, flugs beim Helden Mandela Zuflucht sucht. Den übrigens, als er einer wurde, Republikaner, Tories und Christdemokraten gern als Kommunisten und Terroristen beschimpften. Die USA haben Mandela erst 2008 von ihrer „Liste terrorverdächtiger Personen“ gestrichen.

Die Gesetze!, jaulen auch hierzulande die Jasager. Das geht doch nicht! „Ich mag die Überwachung“, blödelt Herr Wagner von Bild: „Sie ist ein Schutz. Ich bin lieber überwacht als tot.“ Der Whistleblower hat in Deutschland leider keine Tradition.

Das ist vielleicht das Beste an der US-Gesellschaft: Dass da ab und zu, ganz asymmetrisch, einer aufsteht und den ganzen Wahnsinn bloßstellt. Hut ab!

Tom Schimmeck ist freier Autor.

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