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Meinung
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26. September 2011

Kolumne: Infusion für die Wirtschaft statt Aderlass

 Von 
Paul Krugman

Die Sparpolitik mag langfristig richtig sein. Aber die Wirtschaft braucht Hilfe und mehr Regierungsausgaben jetzt.

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Früher glaubten Ärzte, ein Aderlass könne teuflische Körpersäfte beseitigen. Tatsächlich wurde der Patient schwächer und der Tod wahrscheinlicher. Heute glauben Mediziner nicht mehr, dass der Aderlass Kranke heilt. Unglücklicherweise aber viele Wirtschaftspolitiker. Der ökonomische Aderlass verursacht nicht nur große Schmerzen; er dörrt unser langfristiges Wachstum aus.

In Europa haben etwa Griechenland und Irland grausame Kürzungen beschlossen. In den USA verklingen die maßvollen Konjunkturprogramme von 2009, während die öffentlichen Haushalte drastisch zusammengestrichen werden. Merkwürdigerweise hat das Vertrauen der Wähler nicht abgenommen. Irgendwie scheinen Unternehmen und Verbraucher weit mehr über fehlende Kunden und Arbeitsplätze besorgt zu sein als über die Finanzpolitik ihrer Regierungen. Und das Wachstum scheint auszusetzen, während die Arbeitslosigkeit auf beiden Seiten des Atlantik katastrophal hoch bleibt.

Die Verteidiger der Sparpolitik meinen, wir sollten uns auf langfristige Perspektiven konzentrieren anstatt auf den kurzfristigen Schmerz. Aber die Wirtschaft braucht jetzt Hilfe, nicht hypothetische Erfolge in einem Jahrzehnt. Die Beweise dafür, dass die kurzfristigen Schwierigkeiten auch langfristig teuer werden, beginnen sich abzuzeichnen. Besonders am Produktionsstandort Amerika. Normalerweise steigen die Produktionskapazitäten jedes Jahr um zwei bis drei Prozent. Aber angesichts einer anhaltend schwachen Wirtschaft reduziert die Industrie ihre Produktionskapazitäten – seit Dezember 2007 sind sie um fünf Prozent gesunken. Falls eine wirkliche Erholung einträte, würde die Wirtschaft also schnell in erhebliche Produktionsengpässe geraten.

Ähnliches blüht wohl auch dem Dienstleistungssektor. Und mit der Langzeitarbeitslosigkeit auf dem höchsten Niveau seit der Großen Depression blüht das Risiko, dass viele Arbeitslose nicht zu vermitteln sein werden. Aber die Hauptlast der Kürzungen trägt der Bildungssektor. Die Entlassung von Hunderttausenden von Lehrern scheint nicht wirklich ein guter Weg in die Zukunft zu sein. Die Sparpolitik könnte sogar von einer rein finanzpolitischen Perspektive aus gesehen kontraproduktiv sein, weil niedrigeres Wachstum niedrigere Steuereinnahmen bedeutet.

Wir brauchen jetzt mehr Regierungsausgaben, unterstützt von einer expansiven Politik der Notenbanken weltweit. Es sind nicht nur oberschlaue Ökonomen, die das sagen. Ein Geschäftsführer wie Eric Schmidt von Google sagt dasselbe, und der Anleihenmarkt, der US-Schulden zu so niedrigen Zinsen kauft, fleht regelrecht danach.

US-Präsident Obamas neuer Jobplan ist ein Schritt in die richtige Richtung, und manche Aufsichtsratsmitglieder der Federal Reserve und der Bank of England – allerdings leider nicht die Europäische Zentralbank – haben zu mehr wachstumsorientierter Politik aufgerufen.

Eine substanzielle Anzahl von Leuten mit politischer Macht muss davon überzeugt werden, dass sie die letzten eineinhalb Jahre in die falsche Richtung gegangen sind und dass sie unbedingt einen U-Turn machen müssen. Bis das passiert, wird der Aderlass weitergehen.


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Paul Krugman ist Ökonomie-Professor in Princeton und Träger des Wirtschaftsnobelpreises. Übersetzung: Nicole Lindenberg, © New York Times

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