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05. November 2010

Kolumne: Irrtum im Namen der Freiheit

 Von 

Necla Kelek bekommt am Samstag den Freiheitspreis. Dabei will sie einen starken Papa Staat, einen mit Haaren auf der Brust.

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Viel Publikum. Viele deutsche Showgrößen. Wolfgang Gerhardt, Ralph Giordano, Frank Schirrmacher. Bei jedem Luftzug, der durch die Frankfurter Paulskirche weht, flattern Alice Schwarzers wallende Gewänder hoch. Die Schwarzer sitzt in der ersten Reihe. Sie versucht, ihre esoterischen Stoffbahnen in den Griff zu bekommen. Sie schnarrt: „Das Wetter ist ein Mann. Sein Wind ist die sexual-perverse Praktik zur Unterdrückung deutscher Feministinnen.“ Giordano schaut anerkennend zu Schwarzer. Er guckt ein bisschen neidisch. Er hätte auch gern so ein Kleid. Dann ertönt eine Stimme. „Der diesjährige Freiheitspreis der Friedrich-Naumann-Stiftung geht an Frau Kelek.“ Jemand überreicht mir eine hässliche Statue. Ich halte mich am Mikrofonständer fest. Ich schreie. Meine Tonlage lässt Kirchenfenster zerplatzen. „Das ist ein Missverständnis. So hören Sie doch. KIYAK! NICHT KELEK. KIYAK. Hören Sie denn nicht den Unterschied? ICH BIN DIE KIYAK. NEEEIIIINN!“ Schweißnass wache ich auf.

Diese Katastrophe träume ich jede Nacht. Ich habe so furchtbare Angst. Ich zittere noch lange, bis die frühe Dämmerung mich in ihre schützende Umarmung nimmt und sanft in den Schlaf wiegt.

Necla Kelek, hauptberuflich fundamentalistische Islam-Kritikerin, und ich, Mely Kiyak, hauptberuflich fundamentalistische Kolumnistin, haben aufgrund der zweisilbigen Zusammensetzung unserer Namen eine phonetische Ähnlichkeit. Ansonsten haben wir miteinander so viel zu tun wie Tekka Maki mit einer Dose Thunfisch. Welten trennen uns. Kelek wird fürs Kritisieren am Samstag mit dem FDP-Freiheitspreis der Friedrich-Naumann-Stiftung gewürdigt. Ich habe lediglich die Freiheit, eine Kolumne abzuliefern.

Braucht man in Deutschland einen Freiheitspreis? Ist es in Deutschland riskant, seine Meinung zu vertreten? Ich meine, wenn es ein Land gibt, in dem man alles sagen, behaupten und publizieren kann, dann doch wohl Deutschland! Bis auf „Heil Hitler“ sagen, geht in Deutschland nun wirklich alles.

Obwohl! Horst Mahler, Ex-RAF- und später Ex-NPD-Mitglied, begrüßte Michel Friedman zu einem von Vanity Fair organisierten Gespräch mit „Heil Hitler, Herr Friedman“. Friedman grüßte freundlich zurück: „Guten Morgen, Herr Mahler“.

Die FDP übergibt Necla Kelek am Samstag den Freiheitspreis. Alice Schwarzer hält die Laudatio. Schamloser kann man das Gebot der Freiheitlichkeit nicht besudeln. Die FDP will normalerweise, dass die Leute denken und glauben sollen, was sie wollen.

Weshalb kriegt Necla Kelek diesen Preis? Sie will doch nicht mehr Freiheit, sondern weniger. Sie will einen starken Papa Staat. Einen mit Haaren auf der Brust und Oberarmmuskeln, dick und rund wie eine Rolle vierlagiges Klopapier. Einen Macho-Daddy-Staat, der sagt, der Islam gehört abgeschafft. Die Muslime gehören abgeschafft.


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Wir hatten schon einmal einen Staat, der Menschen anderer Glaubensrichtungen abschaffen wollte. Die FDP hat gerade aus dieser Erfahrung heraus ihr Fundament auf den Liberalismus gebaut. Sie ist für die Gleichberechtigung aller Staatsbürger. Egal welcher Religion. Jedem seine Kirche. Jedem seine heilige Schrift. Wer will, kann auch Aktien anbeten. So verstand ich bislang die FDP.

Ist die FDP nun verrückt geworden?, fragt verstört

Ihre Mely Kiyak

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