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Kolumne: Journalisten, Rabatte und Moral

Derzeit verlangen viele Journalisten „vollständige Transparenz“ vom Bundespräsidenten, während sich zehntausende Medienleute in aller Stille ihrer Rabatte und kleinen Vorteile erfreuen. Der Fall Wulff ist eine schöne Gelegenheit, vor der eigenen Türe zu kehren.

 Götz Aly
Götz Aly

Das Internetportal www.turi2.de ist ein elektronisches Klatschblättchen für Medienleute. Am 2. Januar stand dort ein moralisierender Kurztext über „dubiose“ Dinge rund um Christian Wulff und – gleich darunter – diese Anzeige: „Die 100 gefragtesten Journalistenrabatte 2011: www.pressekonditionen.de präsentiert die Übersicht der besten Journalistenrabatte 2011. Verpassen Sie auch 2012 keine Rabatt-News – mit dem kostenfreien Newsletter, den gut 22 000 Journalisten abonniert haben.“

Was gibt’s da so? Die Bahncard 50 kostet Normalsterbliche für die 2. Klasse 240 Euro, für die 1. Klasse 482 Euro – der Journalist kommt mit 122 beziehungsweise 244 Euro weg und erhält dieselbe Vergünstigung auch für seinen Partner, sofern dieser unter derselben Adresse gemeldet ist. Im Fall der Air Berlin enthüllten Journalisten, dass sie rund 100 Prominenten, wer immer das gewesen sein mag, bis Oktober 2011 regelmäßig Gratisflüge gewährt hat. Mit nämlicher Gesellschaft flogen Journalisten jahrelang zum halben Preis (einschließlich Partner), derzeit beträgt der Nachlass 25 Prozent. Immerhin: Die Condor bietet 50 Prozent Rabatt auf die Flugreisen von Presseausweisinhabern, die allerdings auf ihren Internetforen meckern: „Schön wäre ein Rabatt auch für eine Begleitperson!“

Auf die meisten Neuwagen zahlen Journalisten 15 Prozent weniger, die Bayerische Landesbausparkasse bietet ihnen – sofern sie eine Immobilie finanzieren wollen – Kredite mit erheblichem Zinsabschlag an. Die Allianz offeriert (über diskrete Umwege) für Autohaftpflichtversicherungen 25 Prozent, für private Haftpflicht- und Hausratversicherungen bis zu 60 Prozent Rabatt.

Derartige Journalistenschnäppchen gibt’s für Elektronik, Handyverträge, Leihwagen, Hotels, Pauschalreisen oder Möbel, ebenso bei Partnerbörsen und nicht nur das: www.pressekonditionen.de bietet derzeit 1 310, www.journalismus.com 1 700 spezielle Presserabatte an. Richtig in Schwung kam die Journalistenbegünstigung, nachdem die rot-grüne Bundesregierung 2001 das Rabattgesetz von 1933 abgeschafft hatte.

Frage an den Bundesfinanzminister: Wie viele Journalisten versteuern solche Geschenke als geldwerte Vorteile? Frage an die Nutznießer von Journalistenrabatten: Wenn sich bei der Deutschen Bahn 50 000 Medienleute eine um fast 50 Prozent verbilligte Bahncard für die 1. oder 2. Klasse kaufen, zudem ihre Partner mitversorgen und im Durchschnitt rund 200 Euro sparen, entsteht der Deutschen Bahn ein Verlust von zehn Millionen Euro – könnte es sein, dass die Bahn diesen Verlust auf Otto Normalkunde umlegt?

Von Christian Wulff wird mit Recht erwartet, er müsse selbst den bösen Schein von Vorteilsnahme und materieller Beeinflussbarkeit vermeiden. Journalisten sind keine Bundespräsidenten, gewiss. Aber sie haben täglich objektiv und unabhängig zu berichten. Derzeit verlangen viele von ihnen „vollständige Transparenz“ von Wulff, während sich zehntausende Medienleute in aller Stille ihrer Rabatte und kleinen Vorteile erfreuen. Diese Rabatte werden niemals uneigennützig gegeben; der einzelne Journalist verdankt sie nicht eigenem Verdienst, sondern der generellen Machtposition, die Medien in der Öffentlichkeit zukommt. Der Fall Wulff ist eine schöne Gelegenheit, vor der eigenen Türe zu kehren.

Götz Aly ist Historiker.

Autor:  Götz Aly
Datum:  17 | 1 | 2012
Kommentare:  13
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