Am 3. Mai versammelten sich mehr als 500 prominente Juden aus verschiedenen Ländern in den Räumlichkeiten des Europäischen Parlaments in Brüssel, um eine neue europäische jüdische Bewegung - JCall - zu gründen. JCall ist inspiriert von den Prinzipien einer ähnlichen Bewegung in Amerika, JStreet, die vor drei Jahren gegründet wurde und gegenwärtig bereits 150000 Mitglieder zählt. 6000 europäische Juden, vor allem Intellektuelle, haben bisher den JCall-Aufruf "Appell an die Vernunft" unterschrieben. Darin erklären die Initiatoren von JCall: "Wir sind europäische Bürger jüdischer Herkunft, die aktiv in das politische und gesellschaftliche Leben unserer jeweiligen Länder involviert sind. Was immer auch unsere persönliche Agenda sein mag, ist die Verbindung mit dem Staat Israel Teil unserer Identität. Die Zukunft und Sicherheit dieses Staates, mit dem wir unverbrüchlich verbunden sind, besorgt uns sehr."
Bis hierhin ist es schwer verständlich, warum die Mitglieder dieser europäischen Bewegung genauso wie die von JStreet in Amerika seitens mancher etablierter jüdischer Organisationen als "Verräter" oder als "mit Selbsthass beladene Juden" angegriffen werden. Um das zu verstehen, muss man den Appell weiter lesen: "Die Gefährdung (Israels) von außen ist nicht zu unterschätzen, doch ist diese nicht die einzige Gefahr. Eine Gefährdung liegt auch in der Besatzung und in dem Auf- und Ausbau der Siedlungen im Westjordanland und in den arabischen Vierteln Ost-Jerusalems Die systematische Identifizierung mit der Politik der israelischen Regierung ist gefährlich, weil sie im Gegensatz zu den echten Interessen des Staates Israel stehen kann."
Manche Israelis beschuldigen JCall der nicht legitimen Einmischung in die israelische Politik. Viele sind der Meinung, dass ein Jude, der das Schicksal Israels nicht teilen will und im Ausland lebt, nicht das Recht haben solle, die israelische Politik mit zu entscheiden. Gleichzeitig sind sie bestrebt, das israelische Wahlrecht dahingehend zu ändern, dass ausgewanderten Israelis das Recht zugesprochen wird, an israelischen Parlamentswahlen teilzunehmen. Dabei geht es in der Hauptsache um Scharen jüdischer Zuwanderer, die, um die israelische Staatsangehörigkeit im Rahmen des Rückkehrrechts automatisch zu erhalten, vorübergehend in Israel gelebt haben, ins Ausland abgewandert und für ihre rechten Ansichten zum Thema Nahost bekannt sind. Der JCall-Aufruf sagt jedoch: "Die endgültige Entscheidung liegt bei den Israelis, dennoch soll die Solidarität der Juden weltweit die Israelis dazu ermutigen, die richtige Entscheidung zu treffen."
Tatsächlich werden die Juden weltweit ständig gebeten, Israel in jedem Bereich, einschließlich als politische Lobby, massiv zu unterstützen. Eine Meinung, die nicht hundertprozentig der der gewählten israelischen Regierung entspricht, sollen sie aber nicht äußern dürfen. Diese verkrampfte Beziehung zwischen dem Staat Israel und Juden der Diaspora ist weder für die Juden im Ausland noch für Israel ein Gewinn. Israel braucht die Juden als Freunde, und die Juden im Ausland brauchen den Staat Israel als Rückenstärkung. Diese gegenseitige Solidarität wird erheblich effizienter werden, wenn der Dialog zwischen beiden Seiten entkrampft und ohne Komplexe stattfindet.
Avi Primor ist Präsident der Israelischen Gesellschaft für Außenpolitik und war Botschafter Israels in Deutschland.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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