Krimileser wissen: Den Täter treibt es früher oder später zum Bekenntnis seines Verbrechens, weil er dafür Anerkennung einheimsen will. Viele Kriminelle werden festgenommen, nachdem sie sich mit ihren Missetaten brüsteten.
Ganz öffentlich hat sich jetzt die russische Jugendorganisation Nashi in der Financial Times dazu bekannt, im Jahre 2007 die Cyber-Attacken auf Estland ausgeführt zu haben. Es handelte sich um einen konzertierten Zugriff auf estnische Internetserver, die wegen der zu großen Anfrage zusammenbrachen. Da Estland einerseits klein, andererseits äußerst modern und internetbasiert ist, hatte der Angriff durchaus Wirkung und schädigte die estnische Wirtschaft erheblich.
Anlass der Attacke, die Nashi eine "Verteidigungsaktion" nennt, war, dass die Esten sich erdreisteten, in ihrer eigenen Hauptstadt das Denkmal eines Sowjetsoldaten zu versetzen. "Wir haben Estland eine Lektion erteilt", dröhnen die Berufsjugendlichen jetzt in der Presse.
Allerdings ist Nashi nicht irgendein Kinderverein. Es handelt sich um die Jugendtruppe des Kreml, so eine Art Putin-FDJ. Sie wurde gegründet, um dem damaligen Kreml-Herrscher und jetzigen Ministerpräsidenten eine buchstäblich schlagkräftige Jugendorganisation zur Verfügung zu stellen und den russischen Chauvinismus zu stärken.
Dass sie die Attacke auf Estland unbemerkt von der Führungszentrale im Kreml durchführen konnte, ist unvorstellbar. Schließlich bedurfte die Aktion einer aufwändigen Orchestrierung, um den zerstörerischen Effekt zu erreichen. Damit hat sich jetzt das erwiesen, was der russische EU-Botschafter Wladimir Tschischow vehement von sich gewiesen hatte: Russland hat Estland attackiert mit dem Ziel, dem Land großen Schaden zuzufügen. So etwas nennt mein gemeinhin Krieg.
Nun kann man über eine solche Meldung zur Tagesordnung übergehen, weil Nashi nur zugegeben hat, was wir sowieso schon wussten oder annahmen. Die Frage ist jedoch, ob das die richtige Reaktion ist. Immerhin ist jetzt bestätigt worden, dass Russland ein EU- und Nato-Land angegriffen hat. Wenn wir darauf nur mit einem Schulterzucken reagieren, klopfen sich die Kreml-Insassen vor Vergnügen auf die Schenkel und denken sich neue Interventionen aus. Wenn die EU den Russen durch Nichtbefassung signalisiert, der Angriff auf ein Mitglied sei eigentlich eine Lappalie, über die zu reden nicht lohne, sendet sie das falsche Signal und fällt in Russland all denen in den Rücken, die unter Lebensgefahr für eine demokratische und zivilisierte Gesellschaft kämpfen. EU und Nato werden das Tatbekenntnis also nicht einfach übergehen können. Allerdings wäre es der falsche Weg, die Gespräche wieder auf Eis zu legen, wie das nach den Übergriffen in Georgien geschah. Der Dialog mit Russland sollte im Rahmen der EU intensiviert werden. Allerdings muss er auch die kritischen Punkte zum Gegenstand haben.
Für unseren innereuropäischen Dialog müssen wir lernen, dass die Ängste der neuen EU-Mitglieder nicht nur Wahnvorstellungen sind, sondern im Verhalten des großen Nachbarn einen realen Grund haben. Begegnen können wir den Herausforderungen nur gemeinsam. Führt die Kreml-Jugend uns zusammen? Dann hätte sie wenigstens etwas Gutes.
Professor Eckart D. Stratenschulte ist Leiter der Europäischen Akademie Berlin.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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