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Kolumne: Krise - was ist das?

Tod oder Leben - dafür stand der Begriff in der Medizin. An ein langes Siechtum oder Sterben mag heute keiner denken. Von Herfried Münkler

Herfried Münkler ist Professor für Politikwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin.
Herfried Münkler ist Professor für Politikwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin.
Foto: FR

Viele reden von der Krise, als sei völlig klar, was damit gemeint ist. Dabei ist Krise ein vieldeutiges Wort, das immer wieder seine Bedeutung verändert oder neue Bedeutungsdimensionen in sich aufgenommen hat. Ursprünglich stand es für einen bestimmten Krankheitsverlauf, dessen entscheidende Zuspitzung es markierte: eine zur Besserung oder eben eine zum Tode. In diesem Sinn ist der Begriff zur Beschreibung gesellschaftlicher Entwicklungen übernommen worden: In der Krise entschied sich, ob die schweren Probleme, in die man geraten war, überwunden werden konnten oder aber zum Zerfall der soziopolitischen Ordnung führten. Mit diesem ursprünglichen Krisenbegriff war auch die Vorstellung verbunden, dass man auf den Krisenverlauf keinen entscheidenden Einfluss nehmen konnte, sondern ihn beobachten müsse, um den Genesungsprozess dann entsprechend zu unterstützen.

Von solchen Vorstellungen ist der aktuelle Begriffsgebrauch weit entfernt. Dass Krisen auch letal enden können, ist aus der Vorstellungswelt ebenso verschwunden wie der Rat, man müsse den Krisen ihren (natürlichen) Verlauf lassen und könne erst wieder eingreifen, wenn klar sei, welche weitere Entwicklungsrichtung sie eingeschlagen hätten. Die allgemeine Erwartung an die Politik lautet, dass sie den Krisenverlauf dämpfen und die sozialen Auswirkungen abfedern soll. Vor allem aber soll sie das so früh wie möglich, am besten bei Sichtbarwerden der ersten Symptome tun, um so dafür zu sorgen, dass die Krise möglichst glimpflich verläuft. Die mit der gesellschaftstheoretisch gebrauchten Medizinmetapher verbundenen Beobachtungen und Ratschläge haben sich damit ins völlige Gegenteil verkehrt.

Damit nicht genug: Während gegenwärtig, trotz der permanenten Versicherung, die aktuelle Krise sei eine Jahrhundertkrise, wie sie in ihren Verkettungen nur ganz selten vorkomme, schon nach deren Ende und einem neuen Aufschwung Ausschau gehalten wird, hat die historische Rekonstruktion früherer Krisen ergeben, dass sie oftmals Jahrzehnte gedauert haben. Ganze Generationen versanken in ihnen, ohne dass ein Ende in Sicht war. Die Krise des 17. Jahrhunderts, über die man unter den Frühneuzeithistorikern intensiv diskutiert hat, dürfte um 1570 begonnen und weit über die Mitte des 17. Jahrhunderts hinaus gedauert haben. An ihrem Anfang standen klimatische Veränderungen, die man später als "kleine Eiszeit" bezeichnet hat und die zu erheblichen Veränderungen des Wirtschaftslebens führten. Dann kam der Dreißigjährige Krieg mitsamt seinen schweren Verheerungen hinzu. Man kann die Spuren dieser Krise noch heute an vielen abgebrochenen Kirchenbauten sehen: Begonnen als gewaltige Projekte, wurden sie im Verlauf der Krise auf sehr viel bescheidenere Maße zurückgeführt.

Die Krise des 17. Jahrhunderts war nicht nur eine des Wirtschaftslebens, sondern auch eine der gesellschaftlichen Mentalitäten. Die zeitweilig vorherrschende Zuversicht schwand und machte einer gesellschaftlichen Melancholie Platz, die in eine Fülle religiöser Erweckungsbewegungen mündete. Der Pietismus ist die bekannteste. Wenn die Auguren des Wirtschaftslebens jetzt verkünden, das Licht am Ende des Tunnels sehen zu können, ist Zurückhaltung angezeigt: Noch wissen wir nicht, mit welchem Typ von Krise wir es zu tun haben.

Herfried Münkler ist Professor für Politikwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Autor:  HERFRIED MÜNKLER
Datum:  26 | 2 | 2009
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