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Kolumne: Liebe Befreier!

Rette sich, wer kann - vor den Rettern. Vor denen sind insbesondere moslemische Frauen nicht sicher. Von Mely Kiyak

Mely Kiyak ist freie Autorin in Berlin.
Mely Kiyak ist freie Autorin in Berlin.
Foto: FR

Befreien ist wieder schwer in Mode gekommen. Befreien ist ein Klassiker, den man immer wieder aus dem Schrank holen kann. Befreien wollen wirkt immer frisch. Man hat in der Vergangenheit vieles befreit, gerettet oder wenigstens vor Schlimmerem bewahrt: die Umwelt, die arbeitende Klasse, das Denken, den Sozialismus, den Kapitalismus, die Schwarzen, die Kinder, Deutschland - Quatsch, Deutschland wurde nicht befreit, sondern hat kapituliert. Oder war es umgekehrt? Egal.

Ich habe mich vor ein paar Tagen mit einem Kollegen, der für eine konservative Zeitung schreibt, darüber unterhalten, was das Thema dieses Jahrzehnts ist. Doch wohl der Islam, entgegnete er, wegen der unterdrückten Frauen, die dringend befreit werden müssten, der Frauen in Deutschland, in Afghanistan, im Irak, im Iran. Man kann sich den Vortrag vorstellen. Der Islam, bla, die Demokratie, blupp, der Luther, hechelhechel, die europäische Aufklärung wichswichs. Boah, schrie ich ungehalten, ich könnte mich gerade übergeben. Frauen befreien, dass ich nicht lache. Frauen in Afghanistan befreien, dass ich nicht noch mehr lache. Islamische Symbole verbieten, Religion verbieten, Moscheen verbieten, verbieten, verbieten, verbieten - und dann alles befreien. Als junges Schulmädchen kam einmal ein Vertrauenslehrer auf dem Schulhof zu mir und fragte: Dein Vater ist doch Muselmane, oder? Wenn Du abhauen musst, helfe ich Dir! Der wollte mich tatsächlich befreien und war beleidigt, weil ich mich partout nicht von dem rückständigen anatolischen Gastarbeiterknecht, diesem - wie er wohl dachte - nach Schafstall stinkenden Patriarch befreien lassen wollte.

Befreien wollen hat etwas Arrogantes, Chauvinistisches, Herrschaftliches. Da kommt der glattrasierte Held und will dem von Tyrannei verschmutzten Menschlein einen Namen und ein Gesicht geben und ihn von seinen Ketten lösen. Die Schwierigkeit bei mir war, dass mein Vater zeitlebens unter der spöttischen Herrschaft seiner Tochter litt und nie umgekehrt. Senf im Schnabelschuh und Juckpulver unter dem Turban waren Streiche, die ich schon mit zwei Jahren übte.

Diese Woche ist die Islamkonferenz zu Ende gegangen. Einige Frauen stiegen auf die Kanzel und meinten: Alles umsonst, weil die Frauen noch nicht befreit sind. Bei so etwas denke ich ohnehin immer: Mädels, ihr müsstet mal eine Therapie machen. Ihr kämpft doch eigentlich immer noch gegen Papi.

Die großen, erfolgreichen Figuren der Befreiung waren Menschen voller Liebe, wie Gandhi oder Martin Luther King. Echte, erfolgreiche Menschenrechtler kämpfen aus Liebe zu Land und Leuten. Man sieht es bei der iranischen Anwältin Shirin Ebadi wie bei ihrer türkischen Kollegin Eren Keskin. Mein Kollege wiederum war noch nie in Kreuzberg oder Neukölln. Seine Kinder würde er niemals auf eine Schule mit muslimischem Kinderüberschuss schicken. Die meisten Befreier, die ich kenne, sind voller Verachtung; manchen platzt der Hass schon aus den Ohren. Man muss lieben, was man befreien will.

Immer häufiger frage ich mich beim Anblick von Befreiern, ob es beim Befreien nicht eigentlich um etwas anderes geht. Es besteht ein Unterschied darin, den Moslem zu bekämpfen oder ihn zu befreien. Also, worum geht es euch allen eigentlich? Hm?

Ihre Mely Kiyak

Mely Kiyak ist freie Autorin.

Autor:  MELY KIYAK
Datum:  27 | 6 | 2009
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