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Kolumne: Liebe Innenministerkonferenz!

Stell Dir vor, Du kannst träumen, aber es liegt nicht in Deiner Hand. Eine Lehrstelle, einen Job kriegst Du doch nicht. Von Mely Kiyak

Mely Kiyak ist freie Autorin.
Mely Kiyak ist freie Autorin.
Foto: FR

Stell Dir vor, Du bist als junges Mädchen nach Deutschland gekommen. In einem Alter, in dem man sich noch die Zöpfe flechten lässt und mit Kreide einen langen Strich auf die Straße zeichnet und Seiltänzerin spielt. Stell Dir vor, dass Jahr um Jahr vergeht, und Du wächst aus Deinen Hosen heraus.

Nach zehn Jahren ist aus dem Blond Deiner Haare eine modische Kurzhaarfrisur in Kastanie geworden, und die Eltern sind grau. Sie sitzen auf dem Sofa und blättern in Supermarktprospekten, die den Gratiszeitungen kostenlos beigelegt sind.

Zur Person

Mely Kiyak ist freie Autorin.

Du aber bist immerzu scharf darauf auszugehen, ins Kino, ins Einkaufszentrum oder einfach nur träumen am Stadtbrunnen vom Schulfreund, der Dir zugelächelt hat und elegant Tischtennis spielen kann.

Du kannst schon längst die Sprache und hangelst Dich durch die Schule, Mathe ist Dir ein Rätsel. Und noch etwas: Dass man im Weltall Nebel untersucht, der 1400 Lichtjahre entfernt ist, kannst Du schwerlich nachvollziehen.

Denn Sternenstaub ist kleiner noch als das, was Du mit dem Zeigefinger vom Fenstersims auffegst und wegpustest. Ja, noch das allerkleinste und am weitesten entfernte Staubkorn ist von Bedeutung. Ein wenig Faszination übt es schon aus, das gibst Du gerne zu.

Und ich, fragst Du Dich? Was ist meine Bedeutung? Wenn schon der Staub auf dem Kaminsims des Universums wichtig ist, bin ich es dann auch?

Stell Dir vor, Du bewirbst Dich mit Deinem schönsten Passfoto für eine Ausbildungsstelle zur Hörgeräteakustikerin. Konditorin und Modistin waren in der engeren Auswahl, aber das andere sei besser, haben Dir Deine Eltern gesagt. Weil doch die Menschen immer älter werden und schlecht hören.

Das wiederum ist nicht das Schlimmste, findest Du. Denn selbst die Hälfte dessen, was Dir tagsüber so zu Ohren kommt, ist Dir an manchen Tagen noch zu viel. Das Gezeter der Mutter mit ihrer ewigen Angst, das Getrampel des jüngeren Bruders, mit dem Du das Zimmer teilst und der Dich und die anderen Geschwister weckt, wenn er nachts heimkommt.

Das Geschnaufe des Vaters, sein Herzweh, seine Laune, die nur wechselt, wenn die Sonne scheint und ihm ein Lächeln über das Gesicht huschen lässt; aber Deutschland und Sonne, das ist ein eigenes Thema.

Stell Dir vor, Du kannst machen, was Du willst, aber es liegt alles nicht in Deiner Hand. Eine Ausbildungsstelle bekommst Du nicht, einen Job schon gar nicht. Wer nimmt schon einen Lehrling, der ein komisches Papier aus der Tasche zieht, das den Stempel "auf Probe" trägt?

Stell Dir vor, dass es ein Land gibt, das Du nicht kennst. Zu dem Du aber rechtmäßig gehörst, was Dir nicht recht ist. Abends in der Tagesschau siehst Du manchmal Bilder aus diesem Land. Dein Vater sitzt neben Dir und schnauft, Deine Mutter schaut ganz glasig. Und Du denkst, meine Güte, die haben ja nicht einmal Asphalt auf dem Boden. Ob die eine Hörgeräteakustikerin gebrauchen können?

Stell Dir vor, Du bist ein Innenminister und sollst dafür sorgen, dass dieses Mädchen, das Du für einen kurzen Moment sein sollst, hier bleiben darf und Hörgeräteakustikerin wird oder endlich weiß, wo sie in Zukunft träumen darf.

Stell Dir vor, Du bist ein Innenminister und schaffst es einfach nicht, eine Sekunde lang dieses Mädchen zu sein oder ein anderes. Kannst Du Dir das alles vorstellen?

Deine Mely Kiyak.

Datum:  1 | 1 | 2010
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