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Kolumne: Liebe Kapitalismus-Kritiker!

Die da oben? Ihre Krise, nicht unsere? Wir sind alle mickrige Mitläufer, die lieber profitieren als teilen. Von Mely Kiyak

Als ich dieser Tage in dieser Zeitung las, dass die Protestmärsche in Frankfurt und Berlin keinen Adressaten hätten, wie es mein Kollege Harry Nutt analysierte, musste ich lange nachdenken.

"Wir zahlen nicht für eure Krise", hieß es. Das Absurde ist, dass der auf der Straße marschierende Plural selbstverständlich zahlt. Alle zahlen. Einige profitieren davon mehr. Doch, wer ist "Wir"? Wessen Krise ist es? Wir sagen Bankenkrise. Ist es die Krise der Banker und Manager? Wenn man sich den Slogan vor Augen führt, bedeutet es, dass niemand für die Krise seines Nachbarn aufkommen mag. Doch man selbst ist auch der Nachbar von irgendwem. Wer den Abgesang auf den Kapitalismus anstimmt, singt irgendwie gegen sich selbst. Das Heuchlerische an der Kapitalismuskritik ist stets, dass das System erst dann stört, wenn man seine eigene Lage bedroht sieht. Solange wir das eigene Wohl sicher wähnen, sind uns das System, die Boni, die Steueroasen ziemlich gleichgültig.

Niemand kann allen Ernstes behaupten, dass er vom Kapitalismus nicht profitiert hätte. Er ist die unserer Natur am ähnlichsten gestrickte Wirtschaftsform. Der Mensch ist von sich aus nicht gern zum Teilen bereit. Der menschliche Organismus reagiert auf Belohnung mit einer extra Portion Serotonin. Der Mensch hortet und denkt allenfalls solidarisch, wenn es seine eigenen Kinder betrifft.

Der Finanzgipfel wird von den Medien gelobt. Einzigartig sei, dass 75 Prozent der Weltwirtschaft sich an einen Tisch gesetzt haben. Wer ist die Politik, der Staat, die Wirtschaft, die Bürger? Wieso ziehen wir diese Trennlinien? Auf dem Finanzgipfel waren wir alle vertreten. Wer dagegen protestiert, protestiert gegen sich selbst.

Nun weiß ich nicht, ob ich meine These bis hierhin geschickt vorbereitet habe. Was ich sagen will, lieber Kollege Nutt, ist, dass ich den Adressaten kenne. Ich. Und Sie. Wir sind die "da oben". Ich bin der Konsument. Ich bin der Wähler. Ich bin der Banker und Manager. Ich bin das Volk. Ich bin die Weltwirtschaft.

Wenn wir den Kapitalismus ernsthaft kritisieren wollen, bleibt uns nichts anderes übrig, als uns gegenseitig zu zerfleischen. Wir sind alle mickrige Mitläufer und Konformisten. Unsere Bezugsgruppe waren stets diejenigen, die uns versprachen, dass wir nichts abgeben müssen und dass wir mehr kriegen. Wer geht schon mit seinem Geld in eine Bank und sagt "Legen Sie es so an, dass es am Ende mit rechten Dingen, wenn auch schlecht für mich, ausgeht." Oder bietet bei H&M freiwillig an: "Ziehen Sie so viel für das T-Shirt ab, wie es gerecht für jeden einzelnen Arbeiter in der Produktionskette wäre." Wir hätten unsere Bezugsgruppen auch nach anderen Kriterien auswählen können. Doch wir lernten, dass wir die Parteien danach aussuchen müssen, dass sie uns nützen. Nicht allen oder möglichst vielen.

Wir können den Kapitalismus nicht mehr abschaffen. Wir können nur unsere Regeln ändern. Wäre jemand bereit, seine Abwrackprämie und seinen Neuwagen zugunsten von Brot und Bildung an jemand anderen abzutreten? Wäre ein Opelaner bereit, sich einen neuen Job zu suchen? In einer Branche, die umweltgerechte Produkte herstellt? Sind wir alle einverstanden, mit der Art, wie unsere Steuern verteilt werden? Was ist jeder Einzelne bereit abzugeben? Wir müssen uns anders einmischen!

Ihre Mely Kiyak

Mely Kiyak ist freie Autorin in Berlin.

Autor:  MELY KIYAK
Datum:  4 | 4 | 2009
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