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18. Januar 2013

Kolumne: Liebe Neger!

 Von Mely Kiyak
Sie Schauspielerin Inger Nilsson in einem Film von 1968 als "Pippi Langstrumpf".  Foto: dpa

Entweder, man verzichtet auf Pippi Langstrumpf oder man kommentiert den Negerkönig und seine Negersprache.

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Pippi Langstrumpfs Papa ist von Beruf Negerkönig. Familienministerin Kristina Schröder findet, dass es sich dabei um keinen ehrbaren Beruf handelt und teilte vor einigen Wochen mit, sie würde beim Vorlesen des Buches „synchron übersetzen“ und stattdessen „Südseekönig“ sagen. Seitdem wird im Feuilleton debattiert. Dabei entstand der Eindruck, die antirassistische Synchronübersetzung sei die Erfindung unserer neuerdings von Menschenliebe für fremdvölkische Kulturen durchdrungenen Ministerin.

Webseite des Oettinger Verlages: „In allen Neuauflagen und Neuaufnahmen ab 2009 sind die Worte „Neger“ und „Zigeuner“ nicht mehr zu finden. Diese Begriffe entsprechen im deutschen Sprachgebrauch nicht mehr dem heutigen Menschenbild. Sie wurden deshalb entweder gestrichen oder durch neue Formulierungen ersetzt. So wird beispielsweise Pippi Langstrumpfs Papa jetzt als „Südseekönig“ bezeichnet, der die „Taka-Tuka-Sprache“ spricht.“

Bei der Frage, ob man Kinderbücher zensieren darf, fiel in einer Zeitung der Begriff der „politischen Korrektheit“. Menschen, die etwas dunklere Haut haben als Skandinavier, nicht Neger zu nennen, sollten nicht dem Bemühen folgen, sich „korrekt“ zu verhalten. Es reicht womöglich einfach, Respekt vor Menschen zu haben. Dann taucht Neger automatisch nicht im Sprachrepertoire auf.

Üblicherweise werden selten „Neger und Zigeuner“ gefragt, wie sie es finden, dass Millionen Kinder auf der Welt diese Begriffe im Rahmen ihrer Kinderbildung verinnerlichen. Ich besitze aus dem Unrast Verlag folgendes Buch: „Wie Rassismus aus Wörtern spricht“. Darin heißt es: „Fremddefinition ist Fremdbestimmung“. Da die Anzahl farbiger Feuilletonisten und Politiker sehr begrenzt ist, zeigt die Debatte das grundsätzliche Problem, wenn es, egal in welchem Kontext, um Neger, Zigeuner, Kanaken, Fidschi und so weiter geht. Die Weißen benennen Menschen so, wie es ihrem Weltbild entspricht, und die Weißen schaffen es wieder ab, wenn es ihnen nicht mehr in den Kram passt. Es folgt den Regeln der Weißen, nicht den Wünschen der Diskriminierten, denn die wären schon früher für die gesellschaftliche Sensibilität bereit gewesen. Womöglich bereits 1944, als Astrid Lindgren das Wort Neger verwendete, das auch damals lediglich zur Rassentrennung taugte .

Trotzdem darf man Texte nicht verändern. Ein Südseekönig ist etwas anderes als ein Negerkönig. Worte sind nicht einfach Beschreibungen eines Gegenstandes und damit austauschbar, sondern folgen einem Gedanken, einer Gesinnung. Entweder, man verzichtet auf Pippi Langstrumpf oder man kommentiert den „Negerkönig“ und seine „Negersprache“.

Was wird als nächstes umgedichtet? Darf man in einer demokratischen Gesellschaft Kindern Geschichten über Prinzessinnen und Könige erzählen? Der Adel wurde mit der Vorstellung begründet, er sei eine von Gott gegebene Gruppe mit exklusivem Blut. Jahrhunderte hindurch wurden Privilegien mit Abstammung begründet. Wir sind uns ja einig, dass Menschengruppen nach Blutstämmen zu unterteilen, rassistisch ist. Aber deshalb die Literatur umschreiben? Die Sachbearbeiterin auf der Erbse? Des Investmentbankers neue Kleider? Mandatsträger Drosselbart? Ihre Mely Kiyak

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