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01. Oktober 2011

Kolumne: Liebe Politpioniere!

 Von 

Die Piraten wollen alles kostenlos aus dem Netz. Spinnen die? Ich rackere mich mit meinen Texten ab und will Geld dafür.

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Ich sah ein Gruppenfoto, das die Piraten-Fraktion aus Berlin zeigt. Undiplomatisch und sexistisch wie ich bin, spreche ich es aus: Das Bild war eine Ansammlung von zotteligen Typen. Schwammige Figuren, ungesunder Teint, hässlich, mein Gott, da ist ja nix dabei! Man roch die vermieften T-Shirts regelrecht. Kein Wunder, dass keine Mädchen bei denen mitmachen. Ich verstehe jetzt auch, warum die Piraten keinen Wahlkampf mit Fotos veranstalteten – das Auge wählt schließlich mit.

Ich habe mir die zehn Thesen zur Netzpolitik der ungelüfteten Internetsüchtigen durchgelesen. Wenn ich sage, es hat mir die Nackenhaare aufgerichtet, dann wäre das zu wenig, sie standen wie Betonpfeiler ab. „Die Politik muss die Kostenloskultur im Netz fördern und darf sie nicht bekämpfen.“ Wer so was schreibt, hat in seinem ganzen Leben noch nicht auf eigenen Beinen gestanden.

Mir schoss eine Gedankenlawine durchs Köpfchen: Kriegt Ihr Stütze oder werdet Ihr von Euren Eltern gesponsert? Ich rackere mich mit meinen Texten ab, und Ihr wollt dafür nicht bezahlen? Spinnt ihr? Schon mal was von Copyright gehört? Das Recht auf Eigentum ist ein Menschenrecht! Wer soll denn für die Verbreitung meiner Texte bezahlen? Das machen die Zeitungskäufer, ihr Mathekünstler. Und überhaupt, nicht der Staat regelt die Wirtschaft. Die Zeitungen gehören den Verlegern und die Öffentlich-Rechtlichen den GEZ-Zahlern. Und überhaupt, wer soll denn für die Server zahlen? Der Staat? Wer ist denn der Staat?

„Im Netz geschehen keine Schwerverbrechen. Diese werden in der realen Welt begangen.“ Seid ihr Legastheniker oder was? Aufrufe zu Straftaten, Volksverhetzung, Opfer ködern, abziehen, abzocken, Rassismus, das alles ist schwere Kriminalität.

Das Internet hilft Regierungen stürzen! Und Kinderpornografie produzieren und verbreiten ist genauso ein schweres Verbrechen, wie „Kinder ficken gucken“. Begreift es endlich, Ihr verpixelten Datenjunkies!

Davor hieß es übrigens: „Das Netz spiegelt die reale Welt, doch es ist von anderer Natur.“ Ja, was denn nun? Ist das Netz real oder nicht? Auf der anderen Seite ist es auch egal: Wenn man den ganzen Tag kifft und vor dem Rechner abhängt, ist alles irgendwie von „anderer Natur“, oder? – Lawine zu Ende gerollt.

Ach, was rege ich mich auf. So ist das mit den Politanfängern. Sie werden sich wandeln, sie werden anfangen nachzudenken, und sie werden kapieren, dass sich Menschen ihre Parteiprogramme durchlesen und ernsthaft damit beschäftigen.

Heute schon sage ich das voraus: Sollten die Piraten es langfristig schaffen, sich dauerhaft in unser parlamentarisches System zu etablieren, werden die heutigen Erdnussflipsesser uns später mit ihren individuellen und kollektiven Umwandlungen schwer auf die Nerven gehen. Sie werden Bücher über Marathonläufe schreiben, sie werden erklären, dass es aus internen Gründen nicht möglich sei, als Minister in kleinen Autos zu reisen, das man halt für dieses und jenes gewesen, „die Mehrheit im Bundesrat aber gekippt“ sei, sie werden in Talkshows sitzen und dem Kollegen von der Opposition ins Wort fallen „und wie wollen Sie das finanzieren, ich frage Sie das!?“, bla blupp und so weiter und so fort ...

Darauf wettet und verabschiedet sich für diese Woche,

Ihre Mely Kiyak

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